Aus der Sicht eines nichtsprechenden Autisten - der mit Buchstabiertafel kommuniziert

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Walters Eltern hatten sich damit abgefunden, dass ihr Sohn aufgrund seiner Autismus-Störung nicht sprechen würde, und waren überzeugt, dass „Nichtsprechen“ keine geistige Behinderung ist. Durch einen Zufall erfahren sie bereits früh vom Buchstabieren als unterstützte Kommunikation. Walter lernt daher schon mit 3 Jahren, eine Buchstabiertafel zu benutzen. Durch den frühen Tod des Vaters ist Walters Mutter gezwungen, wieder ganztags berufstätig zu sein. Weil ihr Sohn nicht allein bleiben darf, muss er mit Anfang 20 in der Tagespflege-Einrichtung für junge Erwachsene „Upward Bound“ betreut werden. Über seine Beobachtungen erzählt „Walter“ in diesem Buch. Er beobachtet die Beziehung zwischen Betreuten und Betreuern mit großem Feingefühl und Sinn für die Widersprüche der Einrichtung. Dave, der Leiter, kommt aus der Verwaltungs-Laufbahn, ihm sind Regeln und Vorschriften wichtig, um die Betreuten ruhigzustellen und keinesfalls öffentliches Aufsehen zu erregen. Walter stellt treffend fest, dass die Betreuer eine ruhige Kugel schieben und die Betreuten sich tödlich langweilen. Niemand wird sich hier weiter entwickeln und selbst das Bedürfnis nach dem vertrauten Plüschtier oder Übergangsobjekt muss hinter Daves Sicherheitsbedürfnis zurückstehen. Tonangebend im pädagogischen Bereich ist Carlos, Bruder der Verwaltungsangestellten Mariana, frisch aus dem Gefängnis entlassen, der weder Ausbildung noch Einarbeitung in der Betreuung Behinderter hat. Die weiteren Mitarbeiter sind Studenten zwischen Schule und Studium, wie Ann, die verblüfft feststellt, wie viel sie als Schwimmerin mit Rettungsschein in einer Tagestätte samt Schwimmbecken bewirken kann.

Walter konzentriert sich in seinem moasaikartigen Soziogramm einer Betreuungseinrichtung auf die Betreuer. Über die Betreuten hat er weniger zu erzählen, vermutlich weil Dave entschieden beharrt, Diagnosen, persönliche Details und besonders Fotos absolut vertraulich zu behandeln. Die Betreuten wissen vermutlich nicht mehr übereinander, als sie beobachten. Wie Ann oder die Supermarkt-Kassieren Avery die Dinge wahrnehmen, ist zwar feinfühlig beobachtet, aber die Sicht der Betreuten hätte mich stärker interessiert.

Fazit
Die Aufbewahrungsmentalität der Tagesstätte, in der niemand selbstständig werden darf und das Betreuungspersonal angelernt wirkt wie eine Bedienung im Diner, ist schwer zu ertragen. Man sollte jedoch die in den USA gespaltene Einstellung zu Autismus berücksichtigen. Um sich in eine Behinderung einzufühlen, die ein selbstständiges Leben unmöglich scheinen lässt, vollzieht Woody Brown für seine Leser:innen einen entscheidenden Schritt. Nichtsprecher oder Figuren mit Mutismus sind (zumindest in der deutschen Literatur) bisher rar, wie Walter treffend feststellt. In Romanen kommt jemand wie er jedenfalls nicht vor – und sein Vorbild Temple Grandin verfasst nur Sachbücher.

Deutschland liest ein Buch?
Als Lektüre für Lesekreise und verwandte Aktionen empfehle ich das Buch bedingt; multiperspektivisch und zwischen Zeitebenen springend wird es nicht alle Teilnehmer:innen begeistern.