Autismus aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachtet

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Los Angeles. Woody Brown erzählt in seinem Roman von Menschen mit Autismus und eröffnet dabei einen Blick auf eine Welt, die für viele von uns nur schwer zugänglich ist. Im Mittelpunkt steht die Tagesstätte Upward Bound. Dort lebt Tom, dessen Art, die Welt wahrzunehmen und mit anderen zu kommunizieren, seinen Alltag maßgeblich bestimmt. Seine Mutter setzt sich unermüdlich dafür ein, dass er die bestmögliche Bildung erhält. So schafft Tom die Highschool und bekommt sogar die Möglichkeit, verschiedene Vorlesungen an der Universität zu besuchen. Was für die meisten Menschen selbstverständlich erscheint, kann für ihn ein entscheidender Schritt in ein selbstbestimmteres Leben sein. Es geht weiterhin um den Pfleger Carlos, den eine tiefe Freundschaft mit Jorge verbindet. Es geht die Menschen, die täglich zusammenfinden und ihre Gedanken.

Woody Brown ist selbst nicht-sprechender Autist. Niemand könnte besser beschreiben, wie sich das Zusammenleben in einer Tagesstätte anfühlt. Er lässt uns Leser mitfühlen, wie es die Bewohner erleben, wenn die Pfleger alles geben, damit es ihnen gutgeht, wie sich auch ohne Worte eine tiefe Verbindung entwickelt. Tom ist dabei eine besonders interessante und vielschichtige Figur. Seine besondere Wahrnehmung ermöglicht einen Perspektivwechsel, der mich beim Lesen immer wieder innehalten ließ. Gleichzeitig zeigt Brown auch die Menschen in Toms Umfeld mit ihren Hoffnungen, Ängsten und Unsicherheiten. Was mich besonders beeindruckt hat, ist die große Menschlichkeit, mit der der Autor seine Figuren betrachtet. Sie sind aufmerksam und ehrlich, ohne auf ihre Besonderheiten reduziert zu werden.

Feinfühlige Charakterbeschreibungen
Immer wieder nutzt der Autor Toms Perspektive, um Situationen sichtbar zu machen, die für andere selbstverständlich erscheinen. Es geht dabei um alltägliche Dinge, wie der Umgang mit anderen, sich verlieben und ganz besonders Bildung. Tom ermöglicht einen völlig anderen Blickwinkel. Dadurch wird deutlich, wie viele Hürden im Alltag für Menschen mit Autismus bestehen, aber auch, welche Möglichkeiten sich eröffnen können, wenn Unterstützung und Verständnis vorhanden sind. Auch die Freundschaft zwischen Carlos und Jorge wird immer wieder Thema. Sie verstehen sich ohne Worte. Die Botschaft ist überdeutlich: Man muss hingucken, um einen Menschen zu verstehen. Der Roman ermöglicht damit einen Blick hinter eine sonst nur selten einsehbare Welt.

Ein ganz normales Wunder ist ein leiser, feinfühliger Roman mit einer erstaunlich großen Wirkung. Woody Brown erzählt berührend, ohne auf die Tränendrüse zu drücken, und regt zum Nachdenken an, ohne dem Leser eine fertige Meinung aufzuzwingen. Als nicht-sprechender Autist lässt er uns hinter eine Fassade gucken, die sonst verborgen ist. Er hat einen wunderschönen Erzählstil und bringt die Emotionen beider Seiten auf den Punkt. Hier geht es nicht darum, Mitleid zu erzeugen, sondern Verständnis zu schaffen. Es ist ein Buch, das mich emotional erreicht, meinen Blick erweitert und noch lange nach der letzten Seite nachwirken wird. Für mich ist es eine uneingeschränkte Leseempfehlung und eindeutig ein Buch, das in die Kampagne Deutschland liest ein Buch passt.