Der Klub der Schweigenden
Upward Bound, so heißt die Tagesstätte für junge Erwachsene mit Autismus in Los Angeles (Kalifornien), die sich für die dortigen Schützlinge eher wie ein Gefängnis anfühlt. Walter, ein nicht-sprechender Autist, ist einer von ihnen. Der „Typ mit der Echolalie“ hat zwar einen Schulabschluss und sogar das Community College erfolgreich besucht. Dennoch erlauben ihm seine Behinderungen weder ein normales Leben noch eine reguläre Berufstätigkeit. Doch so dumm und zurückgeblieben, wie er oft eingeschätzt wird, ist er tatsächlich nicht.
„Ein ganz normales Wunder“ ist ein Debütroman, den Woody Brown mit der Hilfe seiner Mutter Mary verfasst hat.
Die Geschichte ist autobiografisch inspiriert, denn der Autor selbst ist nicht-sprechender Autist mit Echolalie. Walter ist das Alter Ego des Schriftstellers. Aber auch andere Charaktere gehen auf tatsächliche Personen zurück.
Erzählt wird die Geschichte in zwölf Kapiteln. Es geht in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Walter los, anschließend wechselt die Perspektive mehrfach, sodass wir nicht nur Walter, sondern auch zusätzliche Figuren, vor allem Mitarbeitende der Einrichtung und weitere autistische Charaktere wie Tom, besser kennenlernen.
Der Roman zeigt die Innensicht von (teils mehrfach) behinderten Menschen, die nicht zu konventioneller Kommunikation und Ausdrucksfähigkeit imstande sind. Er liefert augenöffnende Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt solcher Personen, die den meisten von uns bisher verwehrt blieben, weil sich die Betroffenen nicht adäquat dazu artikulieren können. So werden sie oftmals unterschätzt, ignoriert oder missverstanden.
Dabei ist zu beachten, dass bei autistischen Personen - wie bei anderen Behinderungen - ganz unterschiedliche Funktionsstörungen vorliegen. Auch der vorliegende Roman kann daher nur einen Ausschnitt anhand von ausgewählten Beispielen bieten. Dennoch liegt der Mehrwert des Buches darin, anschaulich darzustellen, dass auch Menschen mit Behinderung(en) und insbesondere mit stark ausgeprägtem Autismus zu bemerkenswerten geistigen Leistungen fähig sein können und nicht pauschal als dumm oder unreif abgestempelt werden sollten. Es zeigt auf, wie vorurteilsbehaftet und arrogant viele mit behinderten Personen umgehen.
Betroffen macht die Darstellung des eintönigen Alltags, dem die Betroffenen in der Tagespflege ausgesetzt sind: Infantilisierende Beschäftigungen, fehlende intellektuelle Stimulation, wenig Abwechslung und zu wenig Aufmerksamkeit erfahren die Schützlinge dort. Der Roman wirft daher die Frage auf, warum solche Menschen nicht besser beschäftigt und angemessener behandelt werden, um die Voraussetzungen dafür zu finden, ihre Fähigkeiten und Talente einsetzen und in Würde leben zu können.
Darüber hinaus geht es um Schicksale, um Kameradschaft, Freundschaften und um andere zwischenmenschliche Beziehungen. Auf den etwas mehr als 200 Seiten ist die Lektüre immer wieder bewegend und herzergreifend, jedoch nicht kitschig.
Der Text wirkt auf den ersten Blick unkompliziert und nicht allzu literarisch, aber aufgrund seiner bildungssprachlichen Formulierungen zugleich eloquent. Die Übersetzung von Stephan Kleiner lässt leider an mehreren Stellen Sorgfalt vermissen. So wird beispielsweise aus dem amerikanischen Community College in der deutschen Ausgabe eine nicht vergleichbare Volkshochschule
Was mich gestört hat, ist, dass Woody Brown irreführenderweise als alleiniger Autor und als literarisches Wunderkind vermarktet wird. Nach den Erklärungen im Roman und den Darstellungen in den Medien erlauben es ihm seine motorischen und kognitiven Einschränkungen nicht, einen solchen Text ohne maßgebliche Hilfe einer anderen Person zu erstellen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Mary Brown an den Formulierungen und an anderen Aspekten des Schreibprozess entscheidend mitgewirkt hat. Dass sie bloß von ihrem Sohn übermittelte Buchstaben 1:1 übertragen haben soll, ist wenig glaubhaft. Ihre Co-Autorinnenschaft müsste daher klar benannt werden.
Mein Fazit:
„Ein ganz normales Wunder“ ist ein einzigartiges, programmatisch wichtiges und sehr aufschlussreiches Romandebüt, das ich gerne und mit großem Interesse gelesen habe. Ein literarisches Ereignis, als das der Roman beworben wird, ist es aus mehreren Gründen zwar nicht. Trotzdem empfehlenswert!
„Ein ganz normales Wunder“ ist ein Debütroman, den Woody Brown mit der Hilfe seiner Mutter Mary verfasst hat.
Die Geschichte ist autobiografisch inspiriert, denn der Autor selbst ist nicht-sprechender Autist mit Echolalie. Walter ist das Alter Ego des Schriftstellers. Aber auch andere Charaktere gehen auf tatsächliche Personen zurück.
Erzählt wird die Geschichte in zwölf Kapiteln. Es geht in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Walter los, anschließend wechselt die Perspektive mehrfach, sodass wir nicht nur Walter, sondern auch zusätzliche Figuren, vor allem Mitarbeitende der Einrichtung und weitere autistische Charaktere wie Tom, besser kennenlernen.
Der Roman zeigt die Innensicht von (teils mehrfach) behinderten Menschen, die nicht zu konventioneller Kommunikation und Ausdrucksfähigkeit imstande sind. Er liefert augenöffnende Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt solcher Personen, die den meisten von uns bisher verwehrt blieben, weil sich die Betroffenen nicht adäquat dazu artikulieren können. So werden sie oftmals unterschätzt, ignoriert oder missverstanden.
Dabei ist zu beachten, dass bei autistischen Personen - wie bei anderen Behinderungen - ganz unterschiedliche Funktionsstörungen vorliegen. Auch der vorliegende Roman kann daher nur einen Ausschnitt anhand von ausgewählten Beispielen bieten. Dennoch liegt der Mehrwert des Buches darin, anschaulich darzustellen, dass auch Menschen mit Behinderung(en) und insbesondere mit stark ausgeprägtem Autismus zu bemerkenswerten geistigen Leistungen fähig sein können und nicht pauschal als dumm oder unreif abgestempelt werden sollten. Es zeigt auf, wie vorurteilsbehaftet und arrogant viele mit behinderten Personen umgehen.
Betroffen macht die Darstellung des eintönigen Alltags, dem die Betroffenen in der Tagespflege ausgesetzt sind: Infantilisierende Beschäftigungen, fehlende intellektuelle Stimulation, wenig Abwechslung und zu wenig Aufmerksamkeit erfahren die Schützlinge dort. Der Roman wirft daher die Frage auf, warum solche Menschen nicht besser beschäftigt und angemessener behandelt werden, um die Voraussetzungen dafür zu finden, ihre Fähigkeiten und Talente einsetzen und in Würde leben zu können.
Darüber hinaus geht es um Schicksale, um Kameradschaft, Freundschaften und um andere zwischenmenschliche Beziehungen. Auf den etwas mehr als 200 Seiten ist die Lektüre immer wieder bewegend und herzergreifend, jedoch nicht kitschig.
Der Text wirkt auf den ersten Blick unkompliziert und nicht allzu literarisch, aber aufgrund seiner bildungssprachlichen Formulierungen zugleich eloquent. Die Übersetzung von Stephan Kleiner lässt leider an mehreren Stellen Sorgfalt vermissen. So wird beispielsweise aus dem amerikanischen Community College in der deutschen Ausgabe eine nicht vergleichbare Volkshochschule
Was mich gestört hat, ist, dass Woody Brown irreführenderweise als alleiniger Autor und als literarisches Wunderkind vermarktet wird. Nach den Erklärungen im Roman und den Darstellungen in den Medien erlauben es ihm seine motorischen und kognitiven Einschränkungen nicht, einen solchen Text ohne maßgebliche Hilfe einer anderen Person zu erstellen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Mary Brown an den Formulierungen und an anderen Aspekten des Schreibprozess entscheidend mitgewirkt hat. Dass sie bloß von ihrem Sohn übermittelte Buchstaben 1:1 übertragen haben soll, ist wenig glaubhaft. Ihre Co-Autorinnenschaft müsste daher klar benannt werden.
Mein Fazit:
„Ein ganz normales Wunder“ ist ein einzigartiges, programmatisch wichtiges und sehr aufschlussreiches Romandebüt, das ich gerne und mit großem Interesse gelesen habe. Ein literarisches Ereignis, als das der Roman beworben wird, ist es aus mehreren Gründen zwar nicht. Trotzdem empfehlenswert!