Ein absolut bereicherndes Buch

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careini Avatar

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„Ein ganz normales Wunder“ von Woody Brown ist ein Buch, das den Blick auf Menschen mit Behinderung und die ganz individuellen Lebenswelten verändern kann. Im Mittelpunkt steht die Tagesstätte „Upward Bound“, in der erwachsene Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, insbesondere Autismus, ihren Alltag verbringen.

Einen klassischen Handlungsstrang gibt es dabei nicht. Stattdessen wird die Geschichte aus der Perspektive verschiedener Menschen erzählt – sowohl von den Bewohner als auch von den Mitarbeitenden. Anfangs fiel es mir etwas schwer, mich in die wechselnden Sichtweisen und Charaktere einzufinden. Doch gerade diese Erzählweise wurde für mich im Laufe des Buches zu seiner größten Stärke.

Durch die Vielzahl der Perspektiven und die unterschiedlichen Lebensrealitäten rund um „Upward Bound“ erweitert sich ganz automatisch der eigene Horizont. Zwar ist genau das etwas, was Lesen im Idealfall immer leisten kann, doch bei diesem Buch wurde es mir noch einmal besonders deutlich. Die Tagesstätte, ihre Bewohner und die Mitarbeitenden erscheinen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel. So erhält man Einblicke in ihre Gedanken, Bedürfnisse, Ängste, Wünsche und Beziehungen. Gerade diese Vielstimmigkeit macht das Buch für mich so besonders und vielschichtig.

Woody Brown gelingt es bereits im ersten Kapitel zu zeigen, wie vorschnell Menschen unterschätzt werden, wenn sie sich nicht oder nur eingeschränkt artikulieren können. Eine fehlende Möglichkeit zur verbalen Kommunikation wird von der Umwelt schnell mit fehlender Intelligenz gleichgesetzt. Das Buch macht jedoch eindrucksvoll sichtbar, dass hinter einem Menschen, der sich nicht verbal mitteilen kann, eine ebenso komplexe Gedanken- und Gefühlswelt steckt wie hinter jedem anderen Menschen.

Gleichzeitig hat mir das Buch an dieser Stelle auch den eigenen Spiegel vorgehalten: Welche Privilegien nehme ich als sprechende Person eigentlich als selbstverständlich wahr? Wie sehr orientiert sich meine Wahrnehmung eines Menschen daran, ob und wie dieser Mensch mit mir kommunizieren kann? Diese Fragen sind mir beim Lesen immer wieder begegnet und haben mich auch über die Lektüre hinaus beschäftigt.

Besonders beeindruckend fand ich in dem Kontext die Beziehung zwischen Jorge und Carlos sowie zwischen Tom und Ann. Diese besonderen Verbindungen zeigen ganz wunderbar, dass menschliche Nähe und Verbundenheit auf sehr unterschiedliche Weise entstehen und ausgedrückt werden können.

Genau darin liegt für mich die größte Stärke des Buches: Es öffnet den Blick dafür, dass es nicht nur eine Form von Normalität gibt. Was wir als „normal“ bezeichnen, ist letztlich auch ein gesellschaftlich gesetzter Maßstab – einer, der bestimmte Fähigkeiten voraussetzt und andere schnell als Abweichung betrachtet. „Ein ganz normales Wunder“ lädt dazu ein, diesen Maßstab zu hinterfragen und die Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Beziehungen bewusster wahrzunehmen.

Für mich war das Buch somit eine rundum bereichernde Lektüre.