Ein stilles Wunder voller Menschlichkeit

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kat-yes Avatar

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Dieser episodenhafte Roman ist einfach nur wundervoll. Er ist feinfühlig, sprachlich außergewöhnlich und zutiefst menschlich. Im Mittelpunkt steht eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung, in der ganz unterschiedliche Lebenswege aufeinandertreffen. Carlos begegnet den Menschen dort als Pfleger mit nahezu unerschütterlichem Optimismus. Der junge Tom kann nicht sprechen und sehnt sich dennoch voller Intensität nach einer Liebe, die unerreichbar scheint. Walter wiederum versucht nach einem schweren Schicksalsschlag, seinem Leben erneut Halt und Richtung zu geben. Nach und nach entstehen zwischen den Figuren leise Verbindungen, die zunächst kaum sichtbar sind und doch eine enorme Kraft entfalten. Woody Brown erzählt von Einsamkeit, Nähe, Verlust, Hoffnung und dem tiefen Wunsch, gesehen und verstanden zu werden. Dabei blickt er mit großer Aufmerksamkeit auf seine Figuren, ohne sie auf ihre Einschränkungen oder Schicksale zu reduzieren. Sie dürfen widersprüchlich, humorvoll, verletzlich, eigensinnig und liebenswert sein, kurzum: ganz und gar menschlich. Besonders beeindruckt hat mich, wie intensiv mir der Roman die Lebenswirklichkeit von Menschen mit geistiger Behinderung nahegebracht hat. Selten habe ich mich durch ein Buch so unmittelbar mit ihren Empfindungen, Bedürfnissen und alltäglichen Hürden auseinandergesetzt. Gerade deshalb halte ich diese Geschichte auch gesellschaftlich für wichtig. Menschen mit Handicap werden noch immer zu häufig übersehen, unterschätzt oder ausgegrenzt. Dieser Roman schenkt ihnen keine künstliche Sonderrolle, sondern etwas viel Wertvolleres: Aufmerksamkeit, Würde und eine selbstverständliche Zugehörigkeit. Auch sprachlich ist Ein ganz normales Wunder für mich ein Ereignis. Woody Brown erzählt klug und feinsinnig, mit trockenem Humor und einem besonderen Gespür für die leisen Zwischentöne. Umso bemerkenswerter ist seine persönliche Geschichte: Als erster nichtsprechender autistischer Absolvent der University of California hat er bereits Geschichte geschrieben. Mit diesem Roman zeigt er nun eindrucksvoll, wie kraftvoll und vielschichtig eine Stimme sein kann, die nicht gesprochen werden muss. Für mich ist dieses besondere Buch ein absolutes Lesehighlight und eine große Bereicherung. Es hat mich tief bewegt, meinen Blick erweitert und mich zugleich daran erinnert, wie viel Schönheit in echten menschlichen Verbindungen liegt. Ich kann die Lektüre uneingeschränkt empfehlen. Und ich hoffe sehr, dass Woody Brown bereits an seinem nächsten Roman schreibt.