Erwartungen übertroffen

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Ein Roman vom Kiepenheuer & Witsch Verlag, berührend, besonders und vielschichtig, so dass ich es wirklich jedem empfehlen möchte!

Deutschland liest ein Buch - und diesen Herbst hat der KiWi Verlag ein Debüt von Woody Brown ausgesucht, ein nicht-sprechender Autist, dessen Innenleben wir in diesem Roman beobachten dürfen, der aber auch die verschiedenen Perspektiven von anderen jungen Erwachsenen oder deren betreuende Personen aus der Tagesstätte, die er eine Zeit lang besucht, authentisch erzählt.

Ein einzigartiger Perspektivenwechsel, wie ich finde.

🍁 Worum geht’s?

Der Ich-Erzähler Walter schenkt uns exklusive Einblicke in Upward Bound, „einer Irrenanstalt, die sich als Tagesstätte für junge Erwachsene mit Autismus ausgibt.“
Dabei sind die jungen Erwachsenen, meist Männer, aber natürlich auch Frauen (denn Autismus ist bei Frauen ja mittlerweile bekanntermaßen ein häufig übersehenes Phänomen) so unterschiedlich wie das ganze Spektrum an Neurodivergenz. In Wolters Fall „ADHS mal 1000“ oder „der Typ mit der Echolalie“. Er kann zwar keine individuellen Aussagen formulieren, aber jeden Satz aus einem oft geschauten Video wiederholen.

So lernen wir verschiedene Menschen kennen, wie zum Beispiel Jorge, der immer gerne abhaut, um sich im Supermarkt in der Spielwarenabteilung zu amüsieren oder den schönen Tom, der eigentlich eher hätte Rockstar oder Filmstar werden müssen, wenn das Schicksal bei ihm nicht zugeschlagen hätte. Spannend sind für mich aber auch die Kapitel aus Sicht der Betreuer/innen. Wir lernen sie auf eine so ehrliche Art und Weise kennen, dass es mich wirklich beeindruckt hat.

Aufgrund der teils massiven Einschränkungen erfahren wir von Isolation und Ablehnung, von Hürden in einem System, das Neurodivergenz nicht richtig vorsieht, insbesondere, wenn aus Kindern Erwachsene werden, die vielleicht kognitiv in der Lage sind, zu studieren, sich aber nicht genug anpassen können. Wir erfahren von Vorurteilen, ohne dass der Roman überpädagogisch oder rührselig wirkt und schlussendlich auch, was passiert, wenn Menschen die Krankheit nicht einordnen können und mit Gewalt überreagieren.

🐦‍⬛🐦‍⬛🐦‍⬛ Absolute Leseempfehlung!

Wir erfahren aber vor allem, wie es in einem Menschen drin aussehen könnte, mit dem wir nicht kommunizieren können. Denn, dass jemand keine Sprache hat, heißt ja nicht gleichzeitig, dass er dumm ist. Oder wie Walter es formuliert „wenn es um Sprache geht, können die Leute ganz schön elitär sein. Kannst du nicht kommunizieren, muss das bedeuten, dass du geistig zurückgeblieben bist.“

Für unseren Buchclub ist dieser Text ein wahrer Schatz, insbesondere weil hier als Rezensionsexemplar Gesprächkarten mitgeliefert worden sind, die zur Diskussion anregen.
Wann hattest du schon einmal das Gefühl, immer wieder gegen die festgefahrenen Erwartungen anderer ankämpfen zu müssen, ohne dass deine wahren Fähigkeiten wirklich anerkannt wurden?
Wer in deinem Leben versteht dich auch ohne große Erklärungen?

Ich hoffe jedenfalls, dass dieser Roman eine ganz breite Leserschaft finden wird!