Es braucht viel mehr Bücher dieser Sorte – Bitte mehr davon!

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Woody Browns „Ein ganz normales Wunder“ ist kein Roman für Menschen, die ein Buch schon nach der ersten Seite ungeduldig weglegen. Der Einstieg gestaltet sich nämlich wie eine kleine Aufnahmeprüfung, weil sich der Sinn des ersten Satzes erst auf den Folgeseiten erschließt und die Eingangsszene nicht geschmeidig ins Geschehen einführt. Diese erste Seite fordert genau die Offenheit und Bereitschaft zum Verstehen, die es braucht, um sich einem mutistischen – also völlig sprachlosen – Menschen anzunähern.
Hat man diese kleine Prüfung nach der ersten Seite aber bestanden, liest sich der Roman fortan ohne höheren Aufwand.

Brown schildert den Alltag in einer Betreuungsstätte für Menschen mit diversen Behinderungen wie Zerebralparese und Autismus. Der Protagonist des Buches ist ein nichtsprechender Autist, dessen Innenleben uns tief bewegt. Doch der Roman beschränkt sich nicht auf ihn: Es eröffnet sich gleichermaßen das Universum der anderen Beteiligten. Der Hauptcharakter räumt dabei gründlich mit Vorurteilen gegenüber Menschen im Spektrum auf: So erkennt er die Bedürfnisse seiner Mitpatienten oft schneller als die Pflegekräfte und beweist damit eine tiefe Empathiefähigkeit.
Auch die Annahme, dass manche Autisten nicht zu komplexen Gedanken fähig seien, hebelt er aus. Zu Recht, wie sein Werdegang zeigt: Immerhin hat er den Zugang zur Hochschule gemeistert und uns mit diesem Werk ein ungemein wertvolles Buch geschenkt.

Das Geschehen in der Einrichtung wird in jedem Kapitel aus der Perspektive eines anderen Beteiligten beleuchtet. Durch diese wechselnden Blickwinkel gewinnen Patienten, Pfleger und Außenstehende eine unglaubliche Tiefe. Gleichzeitig wird spürbar, wie sehr jeder Mensch in seiner eigenen Sichtweise gefangen bleibt – eine zentrale und wichtige Botschaft des Autors.
Besonders eindrücklich sind die Überlegungen einer Verkäuferin, die sich fragt, was sie von den behinderten Menschen unterscheidet: Sie habe Pläne, so ihr Argument.
Dass dieser Unterschied so drastisch ausfällt, beruht im Roman vor allem auf unqualifizierter Betreuung. Die Mitarbeiter der Einrichtung, die weniger verdienen als eine Fachkraft im Verkauf, sind zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten engagiert. Aufgrund fehlender Fachkenntnisse können sie jedoch kaum erfassen, was sich im Inneren ihrer Schützlinge abspielt. Dadurch bleiben die Betroffenen in einer durch die Behinderung verursachten Sprachlosigkeit und in einer teils verzweifelten, teils resignierten Einsamkeit zurück. Nur ein einziger Pfleger erfasst ihre stummen Botschaften, Empfindungen und Bedürfnisse intuitiv.

Der Roman hat meine Erwartungen weit übertroffen. Er verfällt weder in künstliche Dramatik noch in trockene theoretische Abhandlungen. Stattdessen zeigt er auf, wie lohnend es ist, die Kommunikationsfähigkeit auf beiden Seiten zu erweitern: bei den Betroffenen ebenso wie bei den sogenannten „Normalos“. Denn auch die vermeintliche Norm entpuppt sich als Beschränkung, weil sie Potenziale übersieht. Wenn unsere Gesellschaft normative Grenzen abbaut und echter Inklusion Raum gibt, kann die Abhängigkeit mancher Pflegefälle im Idealfall aufgehoben werden. Damit wäre allen geholfen.

Das harmonische deutsche Cover zeigt den im Roman wiederkehrenden Pool. Doch im heißen Kalifornien entpuppt sich diese scheinbare Idylle als schmerzhafter Kontrast zur Realität: Das kühlende Nass ist für Menschen mit schweren Behinderungen mit enormer Mühsal verbunden, da sie teilweise aufwendig per Kran hineinbefördert und ausnahmslos streng beaufsichtigt werden müssen. Das Cover zeigt somit ein geschöntes Bild, das der Roman im Inneren konsequent dekonstruiert – ein starker Kontrast, der die deutsche Ausgabe konzeptionell meiner Meinung nach weitaus interessanter macht als das englische Original.