Sprachlos
Woody Brown hat mit “Ein ganz normales Wunder” das erste Buch vorgelegt, das von einem nicht-sprechenden autistischen Autor geschrieben wurde. Das gelungene Hardcover nimmt die Lesenden mit zum Schwimmbecken von Upward Bound, der Betreuungseinrichtung, über die Woody Brown schreibt.
Woody ist erwachsen und er ist Autist. Er kann Sätze nicht selbstständig formulieren, denn er leidet an Echolalie. Damit spricht er Sätze nach, die er von anderen Personen oder in einem Film gehört hat, die jedoch selten zur jeweiligen Situation passen. So ist es kein Wunder, dass er als behindert, ja zurückgeblieben angesehen wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Woody hat seinen Master of Fine Arts an der renommierten Columbia University im Bereich Creative Writing gemacht.
Aber welch steiniger Weg dorthin! Woody kann nur mit Hilfe einer Tafel auf Buchstaben zeigen und braucht dazu einen geschulten Betreuer. Als seine Mutter eine Arbeit annehmen muss, kommt er in eine Tagesstätte für Behinderte, Upward Bound, wo niemand sein Potenzial erkennt und ihn fördert. So beobachtet Woody klar und distanziert: sich selbst, seine Tics und Verhaltensweisen. Das Verhalten der anderen Schützlinge analysiert er mit Verständnis und Mitgefühl. Doch er, der nicht sprechen kann, kann weder seine Bedürfnisse artikulieren noch die Betreuer auf die Bedürfnisse der anderen aufmerksam machen.
Mit derselben Akribie analysiert der Autor das Leben und die Einstellung seiner Betreuer, die schlecht bezahlt einen schwierigen Job machen. Manche Betreuer scheinen ein besonderes Verhältnis zu ihren Schützlingen zu haben, man könnte es Seelenverwandtschaft nennen. So auch Jorge mit seinem Betreuer Carlos, die einander die Welt zu bedeuten scheinen. Jorge, der gerne ausbüxt, sieht sich hilflos einer Polizeistreife gegenüber. Carlos greift ein, doch diese Episode endet bitter. Woody weiß genau, dass sich Autisten auffällig benehmen, sich unerwartet und unverständlich artikulieren und dadurch schnell Missverständnisse entstehen. Und davor hat Woody Angst.
“Ein ganz normales Wunder” lässt neurotypische Menschen in eine Welt blicken, die ihnen bisher verschlossen war. Man könnte Mitleid empfinden. Aber ist dieses Mitleid angebracht? Natürlich sind die Bedingungen für die Betroffenen nicht optimal – schlechte Betreuung, wenig Geld, um die Verhältnisse zu verbessern. Aber ist Mitleid nicht arrogant, wie eine Protagonistin fragt, die die Gruppe jeden Freitag bei ihrem Ausflug in ein Kaufhaus beobachtet? Woody Brown erzählt in klarer, direkter und manchmal humorvoller Sprache, dass kein Außenstehender das Innenleben von Autisten beurteilen kann. Er kritisiert, dass neurotypische Menschen nicht erkennen, dass Zeit auch für Autisten ein wertvolles Gut ist. Man sollte sie nutzen, um die Schützlinge möglichst gut zu fördern. Mitleid will er nicht, sondern Akzeptanz und Verständnis von einer Gesellschaft, für die ein neurotypisches Leben die Normalität ist.
Aber Bewunderung ist erlaubt. Bewunderung für Woody und seine Mutter, für ihre Kraft, ihr Durchhaltevermögen, ihre gegenseitige Liebe und dafür, wie sie ihr Leben meistern. Denn Selbstmitleid wird man in diesem Buch vergeblich suchen.
Mein Fazit:
“Ein ganz normales Wunder” ist ein bewegendes Dokument über das Sehnen und Fühlen autistischer Menschen. Woody Brown nimmt die Lesenden mit in sein Leben und lässt sie sehr ehrlich daran teilhaben. Wir dürfen mitfühlen, sowohl mit den Betroffenen als auch mit ihren Familien und Betreuern. Woody Brown ist ein besonderes, sehr berührendes Buch gelungen, das große Beachtung und starken Widerhall in der Öffentlichkeit verdient.
Woody ist erwachsen und er ist Autist. Er kann Sätze nicht selbstständig formulieren, denn er leidet an Echolalie. Damit spricht er Sätze nach, die er von anderen Personen oder in einem Film gehört hat, die jedoch selten zur jeweiligen Situation passen. So ist es kein Wunder, dass er als behindert, ja zurückgeblieben angesehen wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Woody hat seinen Master of Fine Arts an der renommierten Columbia University im Bereich Creative Writing gemacht.
Aber welch steiniger Weg dorthin! Woody kann nur mit Hilfe einer Tafel auf Buchstaben zeigen und braucht dazu einen geschulten Betreuer. Als seine Mutter eine Arbeit annehmen muss, kommt er in eine Tagesstätte für Behinderte, Upward Bound, wo niemand sein Potenzial erkennt und ihn fördert. So beobachtet Woody klar und distanziert: sich selbst, seine Tics und Verhaltensweisen. Das Verhalten der anderen Schützlinge analysiert er mit Verständnis und Mitgefühl. Doch er, der nicht sprechen kann, kann weder seine Bedürfnisse artikulieren noch die Betreuer auf die Bedürfnisse der anderen aufmerksam machen.
Mit derselben Akribie analysiert der Autor das Leben und die Einstellung seiner Betreuer, die schlecht bezahlt einen schwierigen Job machen. Manche Betreuer scheinen ein besonderes Verhältnis zu ihren Schützlingen zu haben, man könnte es Seelenverwandtschaft nennen. So auch Jorge mit seinem Betreuer Carlos, die einander die Welt zu bedeuten scheinen. Jorge, der gerne ausbüxt, sieht sich hilflos einer Polizeistreife gegenüber. Carlos greift ein, doch diese Episode endet bitter. Woody weiß genau, dass sich Autisten auffällig benehmen, sich unerwartet und unverständlich artikulieren und dadurch schnell Missverständnisse entstehen. Und davor hat Woody Angst.
“Ein ganz normales Wunder” lässt neurotypische Menschen in eine Welt blicken, die ihnen bisher verschlossen war. Man könnte Mitleid empfinden. Aber ist dieses Mitleid angebracht? Natürlich sind die Bedingungen für die Betroffenen nicht optimal – schlechte Betreuung, wenig Geld, um die Verhältnisse zu verbessern. Aber ist Mitleid nicht arrogant, wie eine Protagonistin fragt, die die Gruppe jeden Freitag bei ihrem Ausflug in ein Kaufhaus beobachtet? Woody Brown erzählt in klarer, direkter und manchmal humorvoller Sprache, dass kein Außenstehender das Innenleben von Autisten beurteilen kann. Er kritisiert, dass neurotypische Menschen nicht erkennen, dass Zeit auch für Autisten ein wertvolles Gut ist. Man sollte sie nutzen, um die Schützlinge möglichst gut zu fördern. Mitleid will er nicht, sondern Akzeptanz und Verständnis von einer Gesellschaft, für die ein neurotypisches Leben die Normalität ist.
Aber Bewunderung ist erlaubt. Bewunderung für Woody und seine Mutter, für ihre Kraft, ihr Durchhaltevermögen, ihre gegenseitige Liebe und dafür, wie sie ihr Leben meistern. Denn Selbstmitleid wird man in diesem Buch vergeblich suchen.
Mein Fazit:
“Ein ganz normales Wunder” ist ein bewegendes Dokument über das Sehnen und Fühlen autistischer Menschen. Woody Brown nimmt die Lesenden mit in sein Leben und lässt sie sehr ehrlich daran teilhaben. Wir dürfen mitfühlen, sowohl mit den Betroffenen als auch mit ihren Familien und Betreuern. Woody Brown ist ein besonderes, sehr berührendes Buch gelungen, das große Beachtung und starken Widerhall in der Öffentlichkeit verdient.