Upward Bound
„Darla studiert jetzt Jura. […]Sie wusste, dass ich die Volkshochschule besucht hatte.[…] Ganz bestimmt dachte sie, ich wäre im Rahmen meines Autismusprogramms dort gewesen. Ich hätte ihr so gern gesagt, dass ich ein richtiger Schüler mit lauter Einsern gewesen war.“
Mit „Ein ganz normales Wunder“ hat Woody Brown seinen (autofiktionalen) Debutroman vorgelegt. Ich habe die Geschichte sehr gern gelesen, da mir der sarkastisch-humorvolle, selten larmoyante Tonfall gut gefiel; die deutsche Übersetzung halte ich für einigermaßen gelungen, ich bin mir jedoch nicht sicher, ob der Begriff „Volkshochschule“ das englische Original tatsächlich trifft.
Was ist das Besondere oder das Alltägliche daran (je nach Betrachtungsweise)? Woody Brown absolvierte als erster nicht-sprechender Autist ein Studium an der University of California.
Im Roman wird vor allem das soziale Modell von Behinderung in den Fokus gerückt. Behindert ist man nicht, behindert wird man (von der Gesellschaft). Um diese Message zu übermitteln, verlegt Brown die Handlung seines Romans in eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung in Los Angeles mit dem euphemistischen Namen „Upward Bound“ ( etwa: „zu Höherem berufen“, „immer vorwärts“).
Es stehen hauptsächlich die Erfahrungen von männlichen Protagonisten im Vordergrund. Walter ist zwar nonverbal, aber sehr intelligent - und kommuniziert mittels einer Buchstabentafel. Als sein Vater stirbt, muss er wohl oder übel in eine Tagesstätte gehen, da seine Mutter aufgrund von finanziellen Problemen gezwungen ist, wieder arbeiten zu gehen und weil es für Walter eben keine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe gibt, die ihm auch monetär helfen würde: „Ich hätte gern einen richtigen Beruf ausgeübt, aber die Tür zur Arbeitswelt war von innen abgesperrt.“
Da ich mich mit Neurodivergenz nicht en détail auskenne, und da mein einziger Berührungspunkt die Lektüre von Birger Sellins „Ich will kein inmich mehr sein“ war, fand ich es sehr interessant, über Walters Eigenheiten zu lesen, zumal die own voices - Perspektive das Fehlen von Kitsch mit sich bringt (man denke nur an den sick-lit-Schinken „ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes, ein Negativbeispiel ).
Es war einigermaßen deprimierend, über die Monotonie eines Ortes zu lesen, an welchem die „Schützlinge“ im Prinzip nur verwahrt werden, nicht aber gefördert. Entsprechend oszilliert auch die Motivation der Mitarbeiter zwischen Engagement und Gleichgültigkeit.
Schockierend, dass auch in einer Industrienation Menschen mit Handicap in eine Werkstatt oder in eine Tagesstätte „verfrachtet“ werden, die sich meist an der Peripherie befindet und es ist unglaublich, dass der Werdegang dieser Menschen oft direkt an das elterliche Engagement gekoppelt ist – oder einfach nur Glückssache. Inklusion, ein frommer Wunsch?
„Ein ganz normales Wunder“ ist ein wichtiges Buch, es hat das Zeug zum Bestseller wie Benjamin Leberts „Crazy“. Interessant, dass es oft junge Männer sind, die ihre Erfahrungen literarisch verarbeiten (oder einen Verlag finden).
Ich hadere ein wenig mit dem deutschen Titel: „Ein ganz normales Wunder“. Es soll natürlich suggeriert werden, dass Behinderung eigentlich „ganz normal“ ist, dennoch schwingt viel Pathos im Titel mit (böse Zungen würden gar von inspiration porn sprechen). Die feine Ironie des Titels „Upward Bound“ geht verloren, was sicher nicht ganz im Sinne des Autors ist.
Mit „Ein ganz normales Wunder“ hat Woody Brown seinen (autofiktionalen) Debutroman vorgelegt. Ich habe die Geschichte sehr gern gelesen, da mir der sarkastisch-humorvolle, selten larmoyante Tonfall gut gefiel; die deutsche Übersetzung halte ich für einigermaßen gelungen, ich bin mir jedoch nicht sicher, ob der Begriff „Volkshochschule“ das englische Original tatsächlich trifft.
Was ist das Besondere oder das Alltägliche daran (je nach Betrachtungsweise)? Woody Brown absolvierte als erster nicht-sprechender Autist ein Studium an der University of California.
Im Roman wird vor allem das soziale Modell von Behinderung in den Fokus gerückt. Behindert ist man nicht, behindert wird man (von der Gesellschaft). Um diese Message zu übermitteln, verlegt Brown die Handlung seines Romans in eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung in Los Angeles mit dem euphemistischen Namen „Upward Bound“ ( etwa: „zu Höherem berufen“, „immer vorwärts“).
Es stehen hauptsächlich die Erfahrungen von männlichen Protagonisten im Vordergrund. Walter ist zwar nonverbal, aber sehr intelligent - und kommuniziert mittels einer Buchstabentafel. Als sein Vater stirbt, muss er wohl oder übel in eine Tagesstätte gehen, da seine Mutter aufgrund von finanziellen Problemen gezwungen ist, wieder arbeiten zu gehen und weil es für Walter eben keine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe gibt, die ihm auch monetär helfen würde: „Ich hätte gern einen richtigen Beruf ausgeübt, aber die Tür zur Arbeitswelt war von innen abgesperrt.“
Da ich mich mit Neurodivergenz nicht en détail auskenne, und da mein einziger Berührungspunkt die Lektüre von Birger Sellins „Ich will kein inmich mehr sein“ war, fand ich es sehr interessant, über Walters Eigenheiten zu lesen, zumal die own voices - Perspektive das Fehlen von Kitsch mit sich bringt (man denke nur an den sick-lit-Schinken „ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes, ein Negativbeispiel ).
Es war einigermaßen deprimierend, über die Monotonie eines Ortes zu lesen, an welchem die „Schützlinge“ im Prinzip nur verwahrt werden, nicht aber gefördert. Entsprechend oszilliert auch die Motivation der Mitarbeiter zwischen Engagement und Gleichgültigkeit.
Schockierend, dass auch in einer Industrienation Menschen mit Handicap in eine Werkstatt oder in eine Tagesstätte „verfrachtet“ werden, die sich meist an der Peripherie befindet und es ist unglaublich, dass der Werdegang dieser Menschen oft direkt an das elterliche Engagement gekoppelt ist – oder einfach nur Glückssache. Inklusion, ein frommer Wunsch?
„Ein ganz normales Wunder“ ist ein wichtiges Buch, es hat das Zeug zum Bestseller wie Benjamin Leberts „Crazy“. Interessant, dass es oft junge Männer sind, die ihre Erfahrungen literarisch verarbeiten (oder einen Verlag finden).
Ich hadere ein wenig mit dem deutschen Titel: „Ein ganz normales Wunder“. Es soll natürlich suggeriert werden, dass Behinderung eigentlich „ganz normal“ ist, dennoch schwingt viel Pathos im Titel mit (böse Zungen würden gar von inspiration porn sprechen). Die feine Ironie des Titels „Upward Bound“ geht verloren, was sicher nicht ganz im Sinne des Autors ist.