Wenn Sprechen der Kommunikationsstandard ist, bleiben viele Menschen ungehört

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leselupe84 Avatar

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"Ein ganz normales Wunder“ von Woody Brown führt in den Alltag einer Tageseinrichtung für Menschen mit Autismus, die überwiegend nicht kommunizieren können. Der Autor des Buches ist selbst nichtsprechender Autist und weiß genau, wovon er schreibt.

Durch den Roman begleitet uns unter anderem Walter als Erzähler. Er führt in die Handlung ein, beschreibt die teilweise erschütternden Rahmenbedingungen und kommt immer wieder selbst zu Wort. Möglich wird das durch seine schriftliche Kommunikation über Buchstabentafeln. Eine Fähigkeit, die bei ihm glücklicherweise entdeckt und gefördert wurde. In der Tageseinrichtung jedoch wird ihm diese Möglichkeit der Kontaktaufnahme verwehrt und er bleibt ein stiller, unterschätzter Beobachter.

Besonders erschütternd finde ich, dass die einzelnen Protagonisten stets Verständnis für ihr gesellschaftliches Umfeld aufbringen und gleichzeitig unter den einschränkenden Vorstellungen anderer leiden. Sie nehmen genau wahr, was man ihnen zutraut und was nicht. Gleichzeitig erfahren sie täglich, wie sehr diese Einschätzungen ihren Alltag und ihre Möglichkeiten einschränken. So entsteht ein kritischer Blick auf eine Lebenswelt, in der Menschen mit Einschränkungen zwar versorgt werden, aber kaum Einfluss darauf haben, wie selbstbestimmt sie in unserer Gesellschaft leben und dazugehören können.

Auch ihre Betreuungskräfte kommen zu Wort. Dabei wird deutlich, dass sie innerhalb der engen institutionellen Vorgaben oft selbst nur wenig Handlungsspielraum haben.

Da ich einige Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet habe, sind mir die verschiedenen Erzählstränge besonders nahegegangen. Für mich macht gerade das einen guten Roman aus: Er ermöglicht einen Zugang zu Lebenswelten, die man im eigenen Alltag sonst kaum kennenlernen würde. Und hier werden diese Erfahrungen von jemandem erzählt, der selbst aus dieser Lebenswelt kommt.

Fazit: Ein Kaleidoskop aus Perspektiven und wachrüttelnden Betrachtungen, das zeigt, wie bunt und formenreich unsere Welt sein könnte, wenn wir selbst nicht nur "Malen nach Zahlen und Worten“ praktizieren würden.