Wirklich ein Wunder?

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downey_jr Avatar

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„Ein ganz normales Wunder“ von Woody Brown gilt als Sensation, weil der Autor als erster nicht-sprechender autistischer Absolvent der UCLA Geschichte schrieb. Mich hatte vor allem das schöne Cover und der vielversprechende Plot angesprochen.

Schauplatz ist „Upward Bound“, eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung, wo wir aus Sicht verschiedener Personen am Geschehen teilhaben.

Da ist der autistische Walter (das Alter Ego des Autors), der nicht sprechen kann, aber hochintelligent ist. Er kommuniziert mithilfe einer Sprachtafel.

„Bücher können dir nicht beibringen, ein Mensch zu sein. Ich habe ganz genau zugehört, wenn mir meine Mutter vorgelesen hat, aber in den Büchern gibt es überraschend wenige Hinweise dazu. Vieles von dem, was dazugehört, fällt mir schwer.
[…]
Es gibt keinen groß angelegten Roman, kein Krieg und Frieden, nicht einmal ein Stolz und Vorurteil von jemandem oder über jemanden mit einer schweren autistischen Störung. Ich bin im Kanon nicht vertreten. Ich habe in der Literatur nicht ein einziges Vorbild gefunden. Die berühmteste autistische Schriftstellerin, die ich kenne, ist Temple Grandin, aber die schreibt Sachbücher. Ihr Hauptinteresse gilt der humanen Behandlung von Schlachtvieh, und sie schreibt darüber, dass sie die Dinge aus der Perspektive der Kühe betrachten kann. Das ist gut und auch nützlich für die Kühe, aber mir hilft es bei meiner Mission, menschlicher zu werden, kaum weiter.
Dennoch ist Temple Grandin eine gute Vertreterin der autistischen Gemeinschaft. Sie ist hochgebildet und lebt in einer neurotypischen Welt erfolgreich ihr autistisches Ich aus. Das ist auch mein Ziel. Ich war zwölf, als der HBO-Film über Temple Grandin herauskam. Es war keine besonders gute Phase meines Lebens. Die Schule und die Hormone machten mir schwer zu schaffen. Ich sah Trailer für den Film im Fernsehen und verspürte ein seltsames Gefühl von Hoffnung und Stolz. Im Film oder im Fernsehen wurden kaum autistische Menschen dargestellt und schon gar keine mit Doktortitel. Für meine Leute und mich ging es bergauf.“

Der junge, gutaussehende Tom sitzt im Rollstuhl, er leidet an Zerebralparese:
„Er kann nicht ein Wort sagen und keine Gefühle zum Ausdruck bringen. Er hat welche, weiß Gott, das hat er, aber er verbirgt selbst die liebevollsten Gefühle in seinem Inneren wie ein wohlgehütetes Geheimnis.“

Pfleger Carlos ist immer optimistisch und nicht aus der Ruhe zu bringen. Besonders zu Heimbewohner Jorge hat er eine sehr enge Bindung.

„Carlos hatte keinerlei Erfahrung mit Behinderungen. Seine Schwester hatte ihm den Job verschafft, nachdem sie schon lange Zeit bei Upward Bound gearbeitet hatte. Sollte sie jemals über die Menschen dort gesprochen haben, hatte er ganz bestimmt nicht zugehört. Nun, da er den ganzen Tag mit ihnen zusammen war, wurde er neugierig. Einige der Schützlinge gehörten offensichtlich dorthin. Sie saßen im Rollstuhl oder litten unter heftigen spastischen Zuckungen. Einige waren ganz klar geistig zurückgeblieben. Aber es gab auch andere – Carlos hätte sogar gesagt, die meisten von ihnen –, die den Eindruck machten, als könnten sie auch woanders sein. Als wären sie imstande, etwas zu leisten.“

Die junge Ann jobbt über den Sommer in der Tagesstätte. Mit ihrer unbedarften Art bringt sie ordentlich frischen Wind in den Alltag und baut besonders zu Tom eine enge Bindung auf.

„Mein erster Tag bei Upward Bound war wie ein kafkaesker Albtraum. Aber anstatt als riesiges Insekt aufzuwachen, war ich ein kleines Mädchen, umgeben von fremdartigen Wesen. Laut aussprechen könnte ich das nicht. Es ist so was von politisch unkorrekt. Und natürlich wahnsinnig gemein. Jeder dieser Menschen wird von jemandem geliebt. Gott liebt sie. Ich war nervös und ein bisschen ängstlich. Stellt euch einen Raum voller missgebildeter junger Männer vor, von denen keiner richtig geradeaus gehen kann. Einige saßen im Rollstuhl. Manche konnten sprechen, wobei es eine massive Übertreibung wäre, das, was da stattfand, als Gespräche zu bezeichnen. Einige waren vollkommen stumm. Die meisten lagen irgendwo dazwischen.
[…]
Als Carlos mir den Tagesablauf erklärte, wurde mir klar, dass sie die Schützlinge im Prinzip in Kleingruppen von einer Aktivität zur nächsten brachten, sie durch das Angebot des Zentrums schleusten, so armselig dieses Angebot auch war. Es kam mir traurig und langweilig vor – in jedem Fall sahen die Schützlinge traurig und gelangweilt aus. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass die mangelnde Ausdrucksfähigkeit, an der viele von ihnen litten, keine genaueren Rückschlüsse auf ihren Zufriedenheitsgrad zuließ. Vieles in Bezug auf die Schützlinge erkannte ich erst, als sich mein Blick scharf stellte. Es dauerte ein bisschen.“

Die Einblicke in die Innenwelt der Behinderten fand ich unheimlich berührend; besonders Toms Geschichte ging mir sehr zu Herzen. Auch Ann fand ich als Charakter sehr schön, empathisch und offen.

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, was einerseits zahlreiche interessante Blickwinkel aufzeigt – andererseits fehlte mir stellenweise der rote Faden und die Geschichte wirkte durch diese Multiperspektivität etwas überfrachtet. Eigentlich ist das Buch mehr eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die sich für mich nicht ganz harmonisch zusammenfügen.

Ein weiterer Punkt lässt mich zwiegespalten zurück: Die vom Autor genutzte Methode der gestützten Kommunikation über eine Buchstabentafel ist wegen der potenziellen unbewussten Beeinflussung durch die Helfer*in stark umstritten. Das macht die Bewertung für mich schwer – bewertet man nur den Roman oder hinterfragt man unwillkürlich, wie viel davon wirklich von Woody Browns selbst stammt? Ich jedenfalls konnte den Gedanken an die fehlende Authentizität beim Lesen nicht ausblenden.

Aufgrund dieser Kritikpunkte vergebe ich final 3 von 5 Sternen für ein wichtiges und emotional sehr berührendes, aber nicht völlig überzeugendes Buch.

Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag, Lovelybooks.de und NetGalley.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚