Ihr letzter Wunsch ...
Claire und Eliot sind seit fast 40 Jahren glücklich verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder und auch Enkel. Als bei Claire Krebs diagnostiziert wurde, war Eliot immer für sie da, absolut bedingungslos. Sogar seinen Job gab er auf, um sich um sie zu kümmern.
Als klar wird, dass Claire nicht mehr lange zu leben hat und sie auf eine weitere Behandlung verzichtet, konfrontiert sie Eliot mir einem Wunsch, der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht: Sie möchte, dass nicht er, sondern ihre besten Freundinnen Holly und Michelle sie in den letzten Tagen bis zum Tod begleiten.
‘Ich hätte sie gern hier, bei mir.’ [...]
Eliot war verwirrt. Die beiden waren doch gerade hier gewesen, sie waren auch am Tag davor hergekommen. Holly schaute jede Woche mehrmals vorbei. Eliot begriff nicht, was Claire sagte, aber er wusste, sie wollte auf etwas hinaus, was ihm nicht gefallen würde. [...]
‘Genauer gesagt möchte ich gern, dass sie sich um mich kümmern.’
‘Aha.’ Er zögerte. ‘Je mehr, desto besser?’
‘Ach Eliot. An deiner Stelle.’
Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Claire, die inzwischen so dünn war, so zerbrechlich, in diesem Moment aber auch stark und konzentriert, die Augen ganz schmal, die Lippen zu einem festen Strich gepresst. Er war so geistesgegenwärtig, sich diesen Anblick einzuprägen, ihn für später im Gedächtnis zu verwahren, und wusste bereits, noch ehe sie weitersprach, dass er das Feld räumen sollte. Er wusste es einfach.“
Interessant fand ich bei diesem Roman besonders, dass die Autorin aus Eliots Perspektive erzählt und nicht aus Claires Sicht.
„Nach Claires Mastektomie musste eine ziemlich garstige Wunde versorgt werden, und sie beharrte unerbittlich darauf, dass Eliot diese weder zu sehen bekam noch bei ihrer Pflege half. Als er sagte, es würde nichts an seinen Gefühlen für sie ändern, meinte sie, natürlich nicht, das Problem sei ein ganz anderes. Und als er fragte, ob sie ihm nicht zutraue, damit fertigzuwerden, antwortete sie Nein, das sei es auch nicht. Sie konnte es einfach nicht benennen.
Am Ende löste es sich ohnehin in Luft auf. Er musste ihr helfen, sie schaffte es nicht allein. Doch als er später über ihre intuitive Abwehr nachdachte, erklärte er sich das mit diesem grundsätzlichen Problem, das Frauen mit ihrem Körper haben und dem selbst Claire nicht entging, so intelligent und ausgeglichen sie auch war. Ein Körper, der attraktiv zu sein hatte, hatte diese Attraktivität nun eingebüßt. Das war etwas rein Geschlechtsspezifisches. Alle Frauen glaubten, ihr Körper müsse attraktiv sein, die einen mehr, die anderen weniger. Und sobald ein weiblicher Körper dieses Ziel verfehlte — weil der Krebs sich seiner bemächtigt hatte, um ein ganz anderes, übergeordnetes Ziel zu erreichen, nämlich die schnelle und unkontrollierte Vermehrung von Zellen —, fühlte sich die betroffene Frau wie von ihm entkoppelt. Er hatte seinen Sinn verloren. Sieh nicht auf diese Wunde, mein Gatte. Bei einer Entbindung, die ebenfalls mit Blut und Schrecken verknüpft war, galt dieses Verbot nicht, weil sie ja die Frucht einer erfolgreichen Attraktion bildete.
Und jetzt: Sieh nicht auf diesen Tod, mein Gatte.“
„Ein unerhörter Wunsch“ von Ann Packer ist ein feinfühliger, kluger Roman über den Prozess des Sterbens, über Liebe und Freundinnenschaft, der zum Nachdenken anregt. Ich vergebe für diesen Roman 4 von 5 Sternen.
Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚
Als klar wird, dass Claire nicht mehr lange zu leben hat und sie auf eine weitere Behandlung verzichtet, konfrontiert sie Eliot mir einem Wunsch, der ihm den Boden unter den Füßen wegzieht: Sie möchte, dass nicht er, sondern ihre besten Freundinnen Holly und Michelle sie in den letzten Tagen bis zum Tod begleiten.
‘Ich hätte sie gern hier, bei mir.’ [...]
Eliot war verwirrt. Die beiden waren doch gerade hier gewesen, sie waren auch am Tag davor hergekommen. Holly schaute jede Woche mehrmals vorbei. Eliot begriff nicht, was Claire sagte, aber er wusste, sie wollte auf etwas hinaus, was ihm nicht gefallen würde. [...]
‘Genauer gesagt möchte ich gern, dass sie sich um mich kümmern.’
‘Aha.’ Er zögerte. ‘Je mehr, desto besser?’
‘Ach Eliot. An deiner Stelle.’
Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Claire, die inzwischen so dünn war, so zerbrechlich, in diesem Moment aber auch stark und konzentriert, die Augen ganz schmal, die Lippen zu einem festen Strich gepresst. Er war so geistesgegenwärtig, sich diesen Anblick einzuprägen, ihn für später im Gedächtnis zu verwahren, und wusste bereits, noch ehe sie weitersprach, dass er das Feld räumen sollte. Er wusste es einfach.“
Interessant fand ich bei diesem Roman besonders, dass die Autorin aus Eliots Perspektive erzählt und nicht aus Claires Sicht.
„Nach Claires Mastektomie musste eine ziemlich garstige Wunde versorgt werden, und sie beharrte unerbittlich darauf, dass Eliot diese weder zu sehen bekam noch bei ihrer Pflege half. Als er sagte, es würde nichts an seinen Gefühlen für sie ändern, meinte sie, natürlich nicht, das Problem sei ein ganz anderes. Und als er fragte, ob sie ihm nicht zutraue, damit fertigzuwerden, antwortete sie Nein, das sei es auch nicht. Sie konnte es einfach nicht benennen.
Am Ende löste es sich ohnehin in Luft auf. Er musste ihr helfen, sie schaffte es nicht allein. Doch als er später über ihre intuitive Abwehr nachdachte, erklärte er sich das mit diesem grundsätzlichen Problem, das Frauen mit ihrem Körper haben und dem selbst Claire nicht entging, so intelligent und ausgeglichen sie auch war. Ein Körper, der attraktiv zu sein hatte, hatte diese Attraktivität nun eingebüßt. Das war etwas rein Geschlechtsspezifisches. Alle Frauen glaubten, ihr Körper müsse attraktiv sein, die einen mehr, die anderen weniger. Und sobald ein weiblicher Körper dieses Ziel verfehlte — weil der Krebs sich seiner bemächtigt hatte, um ein ganz anderes, übergeordnetes Ziel zu erreichen, nämlich die schnelle und unkontrollierte Vermehrung von Zellen —, fühlte sich die betroffene Frau wie von ihm entkoppelt. Er hatte seinen Sinn verloren. Sieh nicht auf diese Wunde, mein Gatte. Bei einer Entbindung, die ebenfalls mit Blut und Schrecken verknüpft war, galt dieses Verbot nicht, weil sie ja die Frucht einer erfolgreichen Attraktion bildete.
Und jetzt: Sieh nicht auf diesen Tod, mein Gatte.“
„Ein unerhörter Wunsch“ von Ann Packer ist ein feinfühliger, kluger Roman über den Prozess des Sterbens, über Liebe und Freundinnenschaft, der zum Nachdenken anregt. Ich vergebe für diesen Roman 4 von 5 Sternen.
Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚