Strand & Status

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Das helle Cover mit dem großen Flügelschlag hat sich mir direkt eingeprägt, fast schon zu leicht für das, was sich darunter anbahnt. Zwei Paare, ein Ferienhaus in Südfrankreich mit Privatstrand, alles vom Feinsten, weil Felix es sich leisten kann. Erfolg im Beruf, schöne Frau, Kind, durchgetaktetes Leben, Gravelbike als Midlife-Accessoire. Und dann Matze und Linn, seit Schultagen dabei, aber längst nicht mehr auf Augenhöhe, auch wenn alle so tun, als wäre das soziale Gefälle nur eine Randnotiz.
Was mir besonders hängen geblieben ist, sind die Beschreibungen des Interieurs, diese sehr genaue, fast demonstrative Darstellung von Möbeln, Materialien, Blickachsen, als müsste man sich immer wieder vergewissern, wie exklusiv dieser Ort ist. Und dann dieser Bruch mit den Finger- oder Fußnägeln im Waschbecken, ein kleines, fast ekliges Detail, das viel mehr über Klassenunterschiede erzählt als jede explizite Diskussion darüber. Da wird nichts ausgesprochen und trotzdem ist alles da.
Eigentlich stehen zwar zwei Paare im Mittelpunkt, aber die eigentliche Spannung entsteht zwischen Eva und Linn. Dieses gegenseitige Mustern, das Vergleichen von Körpern, Bewegungen, Lebensentwürfen. Eva, die scheinbar mühelos Weiblichkeit verkörpert, Mutter ist, alles im Griff hat. Linn, kantiger, direkter, weniger glatt. Beide kreisen stark um ihren Körper, um das eigene Frausein, um Unsicherheiten, die nie offen benannt werden. Schwangerschaft steht dabei wie eine unsichtbare Frage im Raum. Was bedeutet es, Mutter zu sein oder nicht zu sein. Wer wird man dadurch, wer bleibt man vielleicht nicht mehr. Diese Identitätsfrage zieht sich leise durch die Dynamik der beiden.
Darin liegt für mich auch der feministische Kern des Romans. Nicht laut, nicht plakativer Kommentar, sondern in der genauen Beobachtung dieses erlernten Konkurrenzdenkens zwischen Frauen. Und gleichzeitig in der Möglichkeit, dass daraus etwas anderes entstehen kann als Rivalität. Die Männer rahmen das Geschehen, aber das Zentrum bildet das Verhältnis zwischen Eva und Linn.
Thematisch hat mich das stark an Blaues Wunder von Anne Freitag erinnert, dieses luxuriöse Setting, das langsam Risse bekommt, und die Konstellation aus Besitz, Abhängigkeit und unausgesprochenem Neid. Auch hier verschiebt sich etwas, kaum merklich, bis klar ist, dass diese Ordnung nicht stabil ist. Mit dem Schreibstil bin ich nicht sofort warm geworden, manches wirkte sehr bewusst gesetzt. Aber je länger man liest, desto deutlicher wird, dass genau diese Inszeniertheit zur Geschichte passt.
Ein Roman über Status, Körper, Erwartung und die Frage, wie viel vom eigenen Leben wirklich selbst gewählt ist.