Geschichtlich liebevoll

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therealmike Avatar

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Diese Leseprobe hat mich mit ihrer erzählerischen Kraft überrascht, mit der sie trockene biografische Fakten in lebendige Szenen verwandelt. Der Auftakt mit Wilhelm Grimms mühevoller Kutschfahrt nach Weimar, um Goethe zu treffen, liest sich streckenweise fast wie ein Roman, die kalte Winterreise, das zweimalige vergebliche Anklopfen, schließlich der Theaterbesuch in Goethes Loge, das alles vermittelt ein plastisches Gefühl für die Mühen und Hierarchien der damaligen Gelehrtenwelt.

Besonders gut gefällt mir, wie der Autor die großen historischen Linien, den Zerfall des Alten Reichs, die napoleonischen Umwälzungen, mit den kleinen, anrührenden Familiendetails der Grimms verwebt: das gemeinsame Bett der Brüder in der Schulzeit, die Läuse, denen die Mutter militärische Ränge verleiht, der Vater, der seinem Sohn nie Schläge gegeben zu haben scheint, während im gleichzeitig entstehenden Märchen "Tischchen deck dich" ein prügelnder Vater auftaucht. Solche Verbindungen zwischen Lebenswirklichkeit und literarischem Werk sind klug gesetzt, ohne aufdringlich zu wirken.

Auch die Beschreibung der grotesken Kaiserkrönung in Frankfurt 1790, mit dem zusammenbrechenden Ochsenbratenstand als Menetekel für den Untergang des Reichs, hat mich sehr amüsiert und zugleich nachdenklich gemacht, wie hellsichtig manche Zeitgenossen das Ende dieser Ordnung bereits erahnten. Die Fülle an Quellenmaterial, private Briefe, Erinnerungsbücher, Memoiren, verleiht dem Buch eine große Authentizität, auch wenn die Materialfülle streckenweise viel Konzentration erfordert.

Diese Verbindung von großer europäischer Geschichte und der sehr persönlichen, liebevoll erzählten Geschichte einer außergewöhnlichen Geschwisterschar macht neugierig, wie sich das Leben von Jacob und Wilhelm Grimm zwischen Kindheit, Studium und ihrem späteren Ruhm als Märchensammler und Gelehrte weiterentwickelt.