Hinter den Märchenkulissen: Wenn die Grimms aus Fleisch und Blut erwachen

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roswitha-böhm-gedankenteiler Avatar

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Biografien über die Brüder Grimm gibt es wie Sand am Meer, und ehrlich gesagt winkt man bei solchen Wälzern oft erst einmal ab, weil man verstaubte Datenfriedhöfe und trockene Germanistik-Vorlesungen befürchtet. Aber diese Leseprobe schlägt einen ganz anderen, herrlich lebendigen Ton an! Es fängt schon damit an, wie Wilhelm Grimm durch den eisigen Winter nach Weimar rumpelt, um bei Goethe vorzusprechen, und man plötzlich diesen ganz menschlichen Klatsch und Tratsch mitbekommt: wie Goethe die betrunkene Gesellschaft mit Hasenbraten bewirtet, Bettina von Arnim sich mit Goethes Frau bis zu Handgreiflichkeiten fetzt und der arme Dichter Zacharias Werner eine Lorbeerkrone aus der fettigen Bratensoße verpasst bekommt. Genau diese unverblümten, fast schon skurrilen Details nehmen den alten Klassikern das Denkmalhafte und machen sie greifbar.

Richtig gut gefällt mir, dass das Buch die Grimms nicht isoliert als geniale Märchenonkels hinstellt, sondern das Scheinwerferlicht ganz bewusst auf die gesamte Sippe und ihre chaotische Epoche richtet. Zu sehen, wie die Geschwister in Hanau aufwachsen, während die Mutter beim Entlausen den Tierchen militärische Ränge gibt, wie der kleine Jacob mit einer Nadel im Buch das Lesen lernt oder wie die Familie bei der maroden Kaiserkrönung in Frankfurt zusieht, wie ein Ochsenbraten-Stand einstürzt – das ist fantastisch beobachtet und liest sich flüssig wie ein guter Roman. Man spürt die raue Wirklichkeit dieser Umbruchszeit, in der die Familie ständig zwischen bürgerlichem Ehrgeiz, Geldsorgen und historischen Erschütterungen jonglieren muss.

Ein winziger Dämpfer ist vielleicht, dass der Autor sich an manchen Stellen fast ein bisschen in den unzähligen Nebenfiguren, Verwandtschaftsgraden und historischen Exkursen verliert. Wenn da innerhalb weniger Seiten Kanzleiräte, Tanten, Pfarrer-Großväter und Gesandtschaften aufmarschieren, muss man schon gut aufpassen, um den Faden zur eigentlichen Familie nicht zu verlieren.

Trotzdem macht die Leseprobe unheimlich Lust auf das Gesamtwerk. Ich erwarte von dem Buch ein warmherziges, historisch fundiertes Familienporträt, das zeigt, dass hinter unseren Kindheitsmärchen echte Menschen aus Fleisch und Blut standen – eigensinnig, unperfekt und tief miteinander verbunden. Ein Buch, das man wunderbar an einem verregneten Nachmittag genießen kann, während man Seite für Seite begreift, wie viel gelebtes Leben eigentlich in jedem einzelnen alten Wort steckt.