Jenseits von „Es war einmal“: Die wahre Geschichte von Jacob und Wilhelm Grimm
„Fast wie im Märchen – Die Brüder Grimm und ihre Zeit“ ist eine faszinierende und höchst akribisch recherchierte Biografie über das Leben von Jacob und Wilhelm Grimm. Wer kennt sie nicht, die herausragenden Gebrüder Grimm, seit meiner Kinderzeit begleitete mich regelmäßig das „Es war einmal“…? Doch wer steckt wirklich hinter diesen Märchen? Dies deckt Buchautor Tilman Spreckelsen in seinem 464 Seiten umfassenden Werk auf, herausgegeben beim Propyläen-Verlag. 1919 durch die Verlegerfamilie Ullstein als Verlag für hochwertige Editionen gegründet, steht Propyläen heute für anspruchsvolle und fundierte Bücher aus Geschichte/Zeitgeschichte, Politik und Kultur. Dem Verfasser Tilman Spreckelsen merkt man an seiner feinen Feder an, dass er Germanistik studiert hat, ebenso wie er sein geschichtliches Wissen um die Zeit perfekt einzubauen vermag, und nicht zuletzt seine absolute journalistische Professionalität hier unter Beweis stellt, denn was er hier zusammengetragen hat, ist für mich eine Glanzleistung. Ich habe das Lesen dieser Publikation sehr genossen, und kam manches Mal einfach nicht aus dem Staunen heraus, was Streckelsen alles aus den zahlreichen Quellen zusammengetragen hat. Jacob und Wilhelm Grimm wuchsen gemeinsam mit vier weiteren Geschwistern auf, verloren jedoch früh den Vater. Absolut finanziellen Rückhalt und Unterstützung bekamen man durch den Großvater und eine Tante aus Kassel. Die beiden Brüder hatten von Kindesbeinen an eine innige Beziehung zueinander, man teilte sich ein Bett in der Schulzeit, eine Stube während des Jura-Studiums, und auch, als Wilhelm selbst eine eigene Familie mit drei Kindern mit Ehefrau Dorothea hatte, zog Jacob in dessen Haushalt um dort zu leben. Ihr Leben war zeitlebens von gemeinsamen Stationen geprägt – Jura-Studium, Bibliothekare, Professuren in Kassel, Göttingen und Berlin. Sie mussten sich dem stellen, was die Zeit der Revolution, der napoleonischen Kriege, der Restauration und der Unruhe in Deutschland einforderten. Daran lässt der Buchautor sukzessive teilhaben. Inhaltlich beginnt das Buch mit einem Prolog und endet mit einem Epilog (und Dank). Aufgeteilt ist das opulente Werk in 20 Kapitel, die immer wieder einzelne Stationen der Grimms behandelt. Dabei zeigt der Autor auf, wie die beiden Gelehrten ihre Leidenschaft zur Literatur lebten und erzählt von Begegnungen mit geistigen Größen ihrer Epoche wie Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Clemens Brentano oder Alexander von Humboldt. Spreckelsen beschreibt das 19. Jahrhundert mit Umbrüchen wie der Französischen Revolution, der Kriegsführung Napoleons und der Revolution von 1848. Dabei schreibt er so detailliert, fesselne, spritzig und gleichzeitig elegant, dass ich mich zeitweise regelrecht mitten hineinversetzt fühlte in das Zeitgeschehen. Wie musste ich schmunzeln, als er an einer Stelle die erste Begegnung von Wilhelm Grimm mit Goethe 1809 in Weimar beschreibt – Wilhelm ganz in Schwarz gekleidet, Goethe mit Orden geschmückt und im Gesicht „ein wenig gepudert“ – ich sah dieses Szenario wirklich bildlich vor mir! Das ist wirklich ein brillantes Werk, an dem jeder seine Freude haben wird, der mehr wissen möchte über die beiden Männer, die uns die Märchenwelt und Deutsche Sprache soviel näher brachten. Die Grimms haben nicht nur überlieferte Erzählungen wie Kinder- und Hausmärchen zusammengetragen und somit wertvolles Kulturgut bewahrt. Sie waren auch Begründer der Sprachwissenschaft und Urheber des Deutschen Wörterbuches. Zudem zeigten sie als Teil der Göttinger Sieben politisches Rückgrat und setzten sich für die Verfassung ein, was sie sogar ihre Professur kostete. Ein brillantes Buch, das ich sehr gerne weiterempfehle, es lohnt sich wirklich, darin einzutauchen!