Umfassend, anschaulich und informativ

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Tilman Spreckelsen führt seine Lese/innen durch die Biografie der Familie Grimm, mit dem Fokus auf den Brüdern Wilhelm und Jacob, und entwirft dabei ein umfassendes Panorama des geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontexts. Wohl zu Recht behauptet er, dass wir zwar alle Anspielungen auf die von den Brüdern gesammelten Märchen verstehen, aber ‚vom Leben der Grimms, von den vielen Verflechtungen mit ihrer Zeit, ist den meisten von uns nur wenig präsent‘ (18f). Es tauchen illustre Namen auf, wohl die meisten Romantiker waren mit ihnen bekannt. Wir erfahren dabei über diese auch Höchstpersönliches.
Doch zunächst folgen wir Wilhelm 1809 nach Weimar, wo er auf ein Treffen mit Goethe hofft und außerdem zwei spätmittelalterliche Manuskripte einsehen will. Der Sprung in die Kindheit der Grimms führt zurück nach Hanau, wo Jacob 1785 geboren wird, ein Jahr später Wilhelm. Vier weitere Geschwister überleben die frühe Kindheit, auch von ihnen wird die Rede sein. Der Vater, Philipp Wilhelm Grimm, ist Jurist und Stadtsekretär, so ist die Familie bis zu seinem frühen Tod 1796 gut gestellt. Danach helfen die Tanten der Kinder der Witwe nach Kräften und setzen sich immer wieder für die Neffen ein.
Die Jungen erhalten eine gute Ausbildung, Jacob und Wilhelm studieren in Marburg, wo sie die Bekanntschaft unter anderem von Savigny, Clemens Brentano und Karoline von Günderrode machen. Die napoleonische Zeit, Schlachten, Bündnisse – alle geschichtlichen Ereignisse beeinflussen das Denken der Brüder, die jedoch vor allem sprachwissenschaftliche Studien und das Sammeln und Bewahren des erzählerischen Erbes der Menschheit interessiert. Das ‚Deutsche Wörterbuch‘ an dem sie mit großem Eifer arbeiteten, ist auch heute noch ein Begriff. Doch Jacob ist auch politisch engagiert. Im Gegensatz zu Wilhelm heiratet er nie, lebenslang lebt er mit seinem Bruder und später auch dessen Familie unter einem Dach.
1811 erscheint der erste Band der heute so bekannten ‚Kinder- und Hausmärchen‘. Nach dem Wiener Kongress 1815 kümmert Jacob sich um das Auffinden und Zurückholen der in den Kriegsjahren verschleppten Kunstschätze und Bücher. Wilhelm heiratet1825. Der erste Sohn stirbt im Alter von 8 Monaten, drei weitere Kinder werden noch geboren. 1829 wird Jacob ordentlicher Professor für Philosophie in Göttingen, 1840 setzen die Brüder ihr Wörterbuchprojekt in Berlin an der Akademie fort und ziehen dazu in die Großstadt. Dort stirbt Wilhelm 1859, Jacob als letzter der Geschwister 1863. Das Wörterbuch ist bis zum Buchstaben F fertig.
Das alles schreibt Tilman Spreckelsen detailreich und anschaulich, wir erfahren viel über die Lebensumstände, Wohnverhältnisse, Freundschaften. Auch die jüngeren Brüder Carl, Ferdinand sowie Ludwig Emil werden ausführlich dargestellt, während die einzige Schwester Charlotte weniger Erwähnung findet. Vermutlich ist über sie nicht viel überliefert.
Allerdings ist das trotz der klaren Sprache keine leichte Lektüre. Zu oft muss man sich erst des historischen Kontexts und der persönlichen Umstände der Grimms vergewissern, bevor man den Inhalt des Geschilderten ganz erfassen kann. Zudem springt Spreckelsen zuweilen in der Zeit, um alles, was parallel geschehen ist, in den großen Bogen hineinzuholen. Einige Abbildungen, viele davon nach Ludwig Emil Grimm, bereichern das Buch, eine Übersicht über die wichtigsten Daten auf den Innenseiten des Bandes ist hilfreich.