Kennt man den Menschen, den man liebt, wirklich?

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regina1960 Avatar

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Wie ist das, wenn das Leben nach zwanzig Jahren Ehe von heute auf morgen so völlig aus den Fugen gerät? Diese Geschichte erzählt die US-Autorin Belle Burden in ihrer persönlichen und berührenden Biografie „Fremde – Die Geschichte einer Ehe“. Die etwas mehr als 300 Seiten des wunderschönen Hardcover-Buches mit Einband, erschienen beim Luchterhand Literaturverlag, haben mich völlig vereinnahmt, stellenweise betroffen gemacht, insgesamt betrachtet komplett gefesselt und vor allem nachdenklich gestimmt. Die 50-jährige Belle Burden führt ein privilegiertes Leben, das nach außen hin scheinbar perfekt ist. Die Pandemie hat die Welt zwar fest im Griff, aber sie und ihr Ehemann James haben sich mit den drei Kindern im luxuriösen Ferienrefugium auf Martha's Vineyard am Meer zurückgezogen. Dann ein Anruf eines fremden jungen Mannes, der Belle schonungslos mitteilt, dass James sie mit seiner Frau betrügt. Für Belle bricht eine Welt zusammen, wie kann das sein? James gibt alles unumwunden zu, und nahezu gefühllos teilt er ihr dann mit, dass er die Familie verlassen wird. Wie eine getragene alte Jacke, die man wegwirft, streift er sein Familienleben ab, möchte auch so gut wie nichts mehr mit den Kindern zu tun haben. Nun scheint Belle ihr bedingungsloses Vertrauen auf die Füße zu fallen. Obschon sie Jura in Harvard studierte und aus einer wohlhabenden Familie stammt, gab sie ihren Beruf für die Familie auf und überließ ihrem Mann die Hoheit über die Finanzen. Sie überschrieb ihm blindlings vertrauend die Hälfte zweier von ihr geerbter Immobilien, was sie nun finanziell den Ruin kosten könnte, da sie James nicht auszahlen kann. Dies erscheint verstörend, macht aber auch traurig, gleichzeitig wütend, und hinterlässt quälende Fragen. Hat sie etwas falsch gemacht hat, Signale nicht erkannt, hat sie überhaupt jemals diesen Mann gekannt, dem sie so vertraute und der ihr nun so fremd ist? Dabei findet sie Zusammenhänge aus familiären Mustern in der Vergangenheit und fragt sich, ob wir Menschen Anteile unserer Herkunftsfamilien in uns tragen, nach denen wir unbewusst handeln? Burden reflektiert dabei ihre Erziehung in der New Yorker Oberschicht, in der Frauen traditionell beigebracht wurde, diskret, angepasst und „leise“ zu sein. Ihre eigene Mutter sowie die Großmutter wurden von den Männern betrogen, schwiegen und haben den Zustand erduldet. Doch in Belle erhebt sich die Stimme des inneren Widerstands, sie möchte nicht mehr still sein. Aus ihrer anfänglichen Verzweiflung und Perspektivlosigkeit entwickelt sich zusehends mehr mutiges Kämpfertum und Einstehen für sich und vor allem auch für ihre Kinder. Dabei macht sie auch die schmerzhafte Erfahrung, dass einige Menschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sich von ihr distanzieren, als sie von der Trennung erfahren. Als alleinerziehende Mutter hat sich in gewissen Kreisen auch ihre eigene Stellung in der Gesellschaft verändert. Das Buch beschreibt ihre sukzessive Emanzipation von der schüchternen, angepassten Ehefrau hin zu einer Frau, die patriarchale Strukturen bricht und ihre eigene Stimme wagt zu erheben. Sie scheint ihre bittere Lektion gelernt zu haben und wagt sich sogar damit an die Öffentlichkeit. So schreibt sie eine erste Version ihrer Autobiografie 2023 in der Kolumne „Modern Love“ der New York Times und später dann auch dieses Buch. Das mir unfassbar gut gefallen hat. Belle Burdon hat ihre emotionale Geschichte ehrlich aufgeschrieben, offen und ungeschönt, allerdings respektvoll, reflektiert und ohne „nachzutreten“ und mit Fingern auf den „bösen“ Ehemann zu zeigen. Sie hinterfragt dabei zu Recht ihr eigenes Verhalten, blindlings einem Menschen aus Liebe zu vertrauen, im Glauben, man kenne diesen ja in und auswendig. Mir hat das Buch vor allem wegen der unerschrockenen Ehrlichkeit der Autorin gefallen, was von Charakterstärke zeugt. Dass Belle Burdon die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückgewonnen und dabei alte familiäre weibliche Verhaltensmuster durchbrochen hat und dadurch zu einem starken Vorbild für ihre drei Kinder (und vielleicht auch andere Betroffene…?) geworden ist, hat mich am meisten gefreut. Dieses Buch hat noch lange in mir nachgearbeitet, ich empfehle es wärmstens!