Wie gut kennt man einen Menschen wirklich?

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
annnnnnna Avatar

Von

Belle lebt die scheinbar perfekte Ehe. Sie ist 50, Mutter und seit zwanzig Jahren mit James verheiratet, einem erfolgreichen Hedgefonds-Manager. Dann verlässt er sie völlig unerwartet, nachdem er sie betrogen hat. Er lässt sein komplettes bisheriges Leben hinter sich: Ferienhaus, Wohnung, Kinder und Belle. Wie eine Schlange, die sich häutet.

Was folgt, ist weit mehr als die Geschichte einer Trennung. Es ist die schmerzhafte Erkenntnis, dass der Mensch, mit dem man zwei Jahrzehnte seines Lebens geteilt hat, plötzlich zum Fremden werden kann.

Überrascht hat mich, wie viele fatale Fehler Belle selbst in rechtlichen und finanziellen Dingen gemacht hat. Als Justiziarin hätte sie bei manchen Entscheidungen eigentlich alle Alarmglocken hören müssen. Emotionaler Druck und die rosarote Brille sind das eine. Rückblickend bleibt trotzdem die Frage, warum sie so vieles zugelassen hat.

Doch irgendwann wiegen diese Erkenntnisse weniger schwer als der Verrat, die Manipulation und die Berechnung. Umso beeindruckender fand ich, wie Belle beginnt, sich freizuschwimmen. Gesellschaftlich, psychisch und finanziell. Aus der Frau, die sich lange angepasst und selbst eher im Hintergrund gehalten hat, wird eine Frau, die beginnt, für sich selbst einzustehen.

Belle verschweigt dabei nicht, wie schlecht es ihr nach der Trennung ging. Sie geht offen mit dem Betrug ihres Mannes um, auch wenn das selbst ein schmerzhafter Prozess ist. Besonders stark fand ich ihren Weg heraus aus der Opferrolle.

„Sei mutig. Steh zu dir. Sprich es aus. Brich den Teufelskreis.“ (Zitat S. 298)

Ein Rat ihrer Großmutter, der für mich wunderbar zu ihrem Weg passt.

Dass Belle Burden ihre eigene Ehe autobiografisch aufarbeitet, hat mich zunächst skeptisch gemacht. Gerade wenn Kinder involviert sind, bleibt bei einer solchen Geschichte immer die Frage nach den verschiedenen Wahrheiten und Perspektiven. Schließlich gibt es selten nur eine Seite der Medaille.

Trotzdem hat mich ihr Weg beeindruckt. Das Buch zeigt eindrücklich, wie schnell sich ein scheinbar fest gefügtes Leben verändern kann. Aber auch, dass ein Ende nicht zwangsläufig das Ende von allem bedeutet. Es gibt immer ein Morgen.