Ein Jahrhundert in Anekdoten

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»Geteiltes Haus« von Alice Horáčková ist zweifellos ein ambitionierter Roman. Auf über 700 Seiten spannt die Autorin den Bogen über mehrere Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und erzählt anhand zweier Frauen – der tschechischen Zdenka und der deutschstämmigen Anežka – von Freundschaft, Heimat, Identität und den politischen Verwerfungen des Sudetenlands. Allein diese deutsch-tschechische Perspektive hebt das Buch wohltuend von vielen vergleichbaren Familienromanen ab und eröffnet einen historischen Blickwinkel, der in der deutschsprachigen Literatur noch immer eher selten anzutreffen ist.
Dennoch muss ich gestehen, dass mich Romane dieser Art inzwischen nur noch bedingt begeistern. Generationenromane, die das gesamte vergangene Jahrhundert mitsamt beiden Weltkriegen und den großen politischen Umbrüchen nachzeichnen, gibt es mittlerweile in einer kaum noch überschaubaren Zahl. Häufig ähneln sie sich in ihrer Anlage, ihren Motiven und ihrer Dramaturgie. Ich persönlich hätte es reizvoller gefunden, einen kleineren zeitlichen Ausschnitt zu wählen und diesen mit größerer Intensität auszuleuchten. »Geteiltes Haus« erscheint mir dafür schlicht zu groß gedacht; der Umfang von mehr als 700 Seiten verstärkt diesen Eindruck noch.
Hinzu kommt der Aufbau des Romans. Die Geschichte entfaltet sich mosaikartig in einer Vielzahl sehr kurzer Kapitel, die jeweils kleine Episoden oder Anekdoten erzählen – einmal komisch, dann wieder tragisch, lehrreich oder dramatisch, häufig aus wechselnden Perspektiven. Auf zweihundert Seiten hätte ich dieses Konzept vermutlich als ausgesprochen gelungen empfunden. Über einen so langen Zeitraum hinweg jedoch überzeugte es mich nicht. Der Roman wirkt dadurch zunehmend unruhig, stellenweise unübersichtlich und bisweilen beinahe chaotisch. Viele Szenen entfalten nicht die emotionale Wirkung, die sie eigentlich besitzen könnten, weil kaum Gelegenheit bleibt, sie erzählerisch nachhallen zu lassen. Ein geradlinigerer Aufbau hätte den Figuren und ihren Schicksalen deutlich mehr Kraft verliehen.
Auch stilistisch blieb bei mir ein zwiespältiger Eindruck zurück. Die Sprache ist bewusst schlicht und leicht zugänglich, entwickelt dabei jedoch kaum ein eigenes Profil. Sie passt zwar zum episodenhaften Erzählen, wirkt auf mich aber häufig zu einfach, fast wie in einem Märchen. Bisweilen hatte ich sogar den Eindruck, als ließe sich der Text ohne Weiteres mit den heute verfügbaren KI-Werkzeugen reproduzieren. Gerade in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz immer überzeugendere Texte erzeugen kann, wünsche ich mir von Literatur eine unverwechselbare sprachliche Handschrift – etwas, das nur dieser eine Autor oder diese eine Autorin schreiben kann. Dieses Alleinstellungsmerkmal habe ich hier leider vermisst.
Unterm Strich ist »Geteiltes Haus« ein durchaus solider historischer Familienroman mit interessanter deutsch-tschechischer Perspektive und erkennbar großem erzählerischen Ehrgeiz. Mich persönlich konnte das Buch jedoch weder durch seinen Aufbau noch durch seinen Stil wirklich überzeugen. Gute Ansätze sind zweifellos vorhanden, Begeisterung wollte sich bei mir allerdings nicht einstellen.