Warum immer nett sein als Frau? Schluss damit!

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
nil Avatar

Von

Der Einstieg liest sich wie ein schonungslos ehrliches Gespräch, das niemand für dich weichzeichnet. Die Erzählerin zählt ihre Erschöpfung nicht auf, sie lebt sie vor. Zwischen Therapie, Dating-Frust, Leistungsdruck und der permanenten Frage, ob sie eigentlich eine "gute Frau" ist, entsteht ein Sog, der erschreckend vertraut wirkt. Dabei beeindruckt vor allem, dass der Text nie den moralischen Zeigefinger erhebt. Er argumentiert nicht – er erzählt.

Besonders gelungen finde ich den Wechsel vom sehr persönlichen Erleben zur gesellschaftlichen Einordnung. Aus einzelnen Anekdoten über Kindergarten, Beziehungen oder den berühmten Satz "Lächel doch mal" entwickelt sich fast beiläufig eine Analyse weiblicher Sozialisation. Dass dabei immer wieder Humor aufblitzt – etwa in den bissigen Formulierungen über Dating-Apps oder den E-Scooter-Moment –, verhindert, dass der Text in Schwere versinkt. Die Selbstironie macht die Autorin nahbar und authentisch.

Sprachlich wirkt das Buch wie ein Gedankenstrom: direkt, ungefiltert und oft so, als würde man einer Freundin zuhören, die endlich laut ausspricht, was viele nur denken. Kurze Sätze wechseln sich mit pointierten Beobachtungen ab, Popkultur, persönliche Erinnerungen und feministische Theorie greifen selbstverständlich ineinander. Das verleiht dem Text Tempo und Aktualität, ohne dass er an Tiefe verliert.

Am stärksten fand ich allerdings den zentralen Gedanken, der sich schon im Prolog ankündigt: Es geht nicht darum, Frauen noch stärker zu machen. Es geht darum, zu hinterfragen, warum sie überhaupt ständig stark, nett, schön, erfolgreich, verfügbar und gleichzeitig bescheiden sein sollen. Diese Perspektive fühlt sich erfrischend an, weil sie nicht nach weiteren Optimierungstipps sucht, sondern den Blick auf die Erwartungen selbst richtet.

Nach diesem Romanbeginn – oder vielmehr diesem autobiografisch geprägten Essayauftakt – habe ich große Lust weiterzulesen. Nicht, weil er alle Antworten liefert, sondern weil er die richtigen Fragen stellt. Ehrlich, klug, wütend und gleichzeitig erstaunlich zugänglich. Ein Auftakt, der den Nerv unserer Zeit trifft und lange nachhallt.