Wenn jede Ampel auf Grün steht – und das Leben plötzlich auch

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
kerstin_liest_buecher Avatar

Von

Grüne Welle beginnt mit einer ganz alltäglichen Situation: Eine Frau fährt nach einem Kinobesuch nach Hause. Doch eine Umleitung, eine verpasste Ausfahrt – und plötzlich fährt sie einfach weiter. Aus „gleich bin ich da“ wird eine ganze Nacht auf der Straße. Und mit jedem Kilometer wird klar: Vielleicht ist es kein Versehen, dass sie nicht zurückkehrt.

Was mich sofort gepackt hat, war dieser Sog. Eigentlich passiert äußerlich gar nicht so viel und trotzdem konnte ich kaum aufhören zu lesen. Die Geschichte spielt sich vor allem im Inneren der Protagonistin bzw. zwischen den Zeilen ab. Ihre Gedanken kreisen, widersprechen sich, beschönigen, verdrängen. Stück für Stück versteht man, warum die Rückkehr nach Hause keine gute Option ist. Die wahre Bedrohung liegt nicht auf den dunklen Landstraßen oder an einsamen Tankstellen, sondern in dem Leben, das sie hinter sich lässt.

Der Schreibstil ist eher ruhig, fast nüchtern, aber genau das macht ihn so intensiv. Man fühlt sich wie im Beifahrersitz, eingesperrt im Auto, nur begleitet vom Scheinwerferlicht und diesem inneren Monolog. Es ist manchmal unangenehm, weil man spürt, wie sehr diese Frau sich selbst belogen hat – und wie schwer es ist, das endlich zuzugeben.

Für mich ist Grüne Welle kein klassischer Spannungsroman, sondern eher eine psychologische Momentaufnahme. Eine Geschichte über Selbsttäuschung, über leise Kontrolle und Gewalt in Beziehungen und über diesen einen Augenblick, in dem man merkt: So kann es nicht weitergehen. Dieses Bild der grünen Ampeln, die plötzlich alle auf Grün stehen, fand ich unglaublich stark, als würde das Leben ihr zum ersten Mal freie Fahrt geben.

Ein intensives, nachdenkliches Buch, das nicht laut ist, aber lange nachhallt.