Macht, Nähe und das Dazwischen

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cindy Avatar

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Schon das Cover macht klar: Das hier wird interessant. Auffällig, leicht provokant, neugierig machend. Und ja, der Inhalt hält dieses Versprechen ein.

Waldo als Protagonistin hat für mich extrem gut funktioniert. Sie ist klug, naiv, durchaus mal anstrengend, manchmal widersprüchlich aber genau dadurch wirkt sie echt. Ihre Gedankengänge sind nicht immer angenehm, teilweise sogar unangenehm nah an Wahrheiten, die man selbst gern verdrängt. Gerade das hat sie für mich sympathisch gemacht. Man folgt ihr nicht, weil man alles gutheißt, sondern weil man sie versteht.

Die Beziehung zu Mr. Korgy war von Anfang an mit einem konstanten Unwohlsein belegt und das ist absolut gewollt. Dieses diffuse „Irgendwas stimmt hier nicht“-Gefühl zieht sich durch das gesamte Buch und verstärkt die Wirkung enorm. Es wird nicht moralisiert, sondern untersucht Machtverhältnisse, Abhängigkeit, Begehren, Einsamkeit und unbequeme Familienverhältnisse.

Der Schreibstil ist dabei eine große Stärke. Direkt, klar, manchmal hart, aber immer sehr flüssig. Die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man ständig denkt: "Okay, eins geht noch." (Dabei bleibt es selten nur bei einem).

Ein kleiner Kritikpunkt für mich war Mr. Korgy selbst. Als Figur hätte er etwas mehr Tiefe vertragen können. Vorallem am Anfang war seine Beziehung zu Waldo etwas unnachvollziehbar. Waldo hingegen entwickelt sich im Laufe der Geschichte spürbar weiter, ohne dass es sich künstlich oder aufgesetzt anfühlt.

Das Ende empfand ich als stimmig und zufriedenstellend. Simpel aber absolut passend und realistisch.

Unterm Strich ist Half His Age ein unbequemes, kluges und sehr ehrliches Buch, das nicht gefallen will, sondern hängen bleibt.