Warum "Himmelerdenblau" mich als Thriller-Skeptikerin überzeugt hat – Eine literarische Analyse
Ich muss gestehen: Thriller gehören normalerweise nicht zu meiner bevorzugten Lektüre. Aber "Himmelerdenblau" hat mich eines Besseren belehrt – und das liegt vor allem an Romy Hausmanns handwerklichem Können.
Die Geschichte um die seit 2003 verschwundene Julie Novak und ihren demenzkranken Vater Theo ist mehr als ein klassischer Missing-Person-Thriller. Was Hausmann hier erschafft, ist ein vielschichtiges psychologisches Puzzle, das sich durch seine narrative Struktur von Genre-Konventionen abhebt.
Der multiperspektivische Aufbau ist das Rückgrat dieses Romans. Die verschiedenen POV-Wechsel zwischen Theo, der Podcasterin Liv, Ex-Freund Daniel und anderen Figuren schaffen eine kaleidoskopartige Erzählweise, die kontinuierlich neue Facetten der Wahrheit enthüllt. Als Lektorin beeindruckt mich besonders, wie geschickt Hausmann die Informationsvergabe steuert – jede Perspektive fügt dem Gesamtbild ein weiteres Puzzleteil hinzu, ohne in redundante Wiederholungen zu verfallen.
Die Integration der Podcast-Elemente ist innovativ und zeitgemäß. Sie funktioniert als Meta-Ebene, die das True-Crime-Genre selbst reflektiert und dessen Problematik – die Instrumentalisierung fremden Leids für Unterhaltung – thematisiert. Das ist clever gelöst und verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe.
Hier zeigt sich Hausmanns Stärke. Theo als demenzkranker Protagonist ist eine mutige Wahl, die brillant umgesetzt wird. Seine zunehmende Desorientierung wird nicht als billiges Spannungselement ausgeschlachtet, sondern mit Empathie und psychologischer Glaubwürdigkeit dargestellt. Die Frage "Kann ich meinen eigenen Erinnerungen trauen?" wird zur existenziellen Bedrohung.
Auch die Nebenfiguren sind mehrdimensional angelegt. Daniel, Liv, selbst Julie in den Rückblenden – alle haben Brüche, Widersprüche, graue Bereiche. Niemand ist eindeutig Täter oder Opfer, und genau diese Ambivalenz macht sie lebendig.
Das variable Erzähltempo hält die Spannung konstant hoch. Hausmann weiß, wann sie Gas geben und wann sie innehalten muss, um emotionale Momente wirken zu lassen. Die Plottwists sind organisch in die Handlung eingewoben – nichts wirkt konstruiert oder um des Effekts willen platziert.
Was mich besonders überzeugt: Die Spannung entsteht nicht primär durch Action, sondern durch psychologische Verdichtung. Es ist die Ungewissheit, die quält. Das Nicht-Wissen. Die langsame Erosion von Theos Geist, während gleichzeitig die Puzzle-Teile zusammenfinden.
Der Roman stellt unbequeme Fragen: Was richtet das Verschwinden eines Kindes mit einer Familie an? Wie ethisch ist True-Crime-Content? Wem gehört das Leid – den Betroffenen oder dem voyeuristischen Publikum? Hausmann gibt keine einfachen Antworten, aber sie zwingt uns, diese Fragen zu konfrontieren.
Die Auseinandersetzung mit Demenz als fortschreitender Realitätsverlust im Kontext eines Thrillers ist thematisch riskant, aber meisterhaft umgesetzt. Sie funktioniert auf mehreren Ebenen: als Plotdevice, als emotionaler Anker, als philosophische Reflexion über Wahrheit und Erinnerung.
Fazit
"Himmelerdenblau" ist kein Thriller für schnellen Nervenkitzel. Es ist ein literarisch ambitionierter Text, der Genre-Konventionen respektiert, aber gleichzeitig transzendiert. Romy Hausmann beweist, dass psychologischer Suspense und charaktergetriebenes Erzählen kein Widerspruch sein müssen.
Für mich als jemanden, der Thriller normalerweise meidet: Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen und bis zum Ende nicht losgelassen. Die Charakterentwicklung, der originelle Aufbau und die thematische Tiefe machen "Himmelerdenblau" zu einem der stärksten deutschsprachigen Thriller der letzten Jahre.
5 von 5 Sternen – Ein Buch, das zeigt, was im Genre möglich ist, wenn handwerkliches Können auf erzählerischen Mut trifft.
Die Geschichte um die seit 2003 verschwundene Julie Novak und ihren demenzkranken Vater Theo ist mehr als ein klassischer Missing-Person-Thriller. Was Hausmann hier erschafft, ist ein vielschichtiges psychologisches Puzzle, das sich durch seine narrative Struktur von Genre-Konventionen abhebt.
Der multiperspektivische Aufbau ist das Rückgrat dieses Romans. Die verschiedenen POV-Wechsel zwischen Theo, der Podcasterin Liv, Ex-Freund Daniel und anderen Figuren schaffen eine kaleidoskopartige Erzählweise, die kontinuierlich neue Facetten der Wahrheit enthüllt. Als Lektorin beeindruckt mich besonders, wie geschickt Hausmann die Informationsvergabe steuert – jede Perspektive fügt dem Gesamtbild ein weiteres Puzzleteil hinzu, ohne in redundante Wiederholungen zu verfallen.
Die Integration der Podcast-Elemente ist innovativ und zeitgemäß. Sie funktioniert als Meta-Ebene, die das True-Crime-Genre selbst reflektiert und dessen Problematik – die Instrumentalisierung fremden Leids für Unterhaltung – thematisiert. Das ist clever gelöst und verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe.
Hier zeigt sich Hausmanns Stärke. Theo als demenzkranker Protagonist ist eine mutige Wahl, die brillant umgesetzt wird. Seine zunehmende Desorientierung wird nicht als billiges Spannungselement ausgeschlachtet, sondern mit Empathie und psychologischer Glaubwürdigkeit dargestellt. Die Frage "Kann ich meinen eigenen Erinnerungen trauen?" wird zur existenziellen Bedrohung.
Auch die Nebenfiguren sind mehrdimensional angelegt. Daniel, Liv, selbst Julie in den Rückblenden – alle haben Brüche, Widersprüche, graue Bereiche. Niemand ist eindeutig Täter oder Opfer, und genau diese Ambivalenz macht sie lebendig.
Das variable Erzähltempo hält die Spannung konstant hoch. Hausmann weiß, wann sie Gas geben und wann sie innehalten muss, um emotionale Momente wirken zu lassen. Die Plottwists sind organisch in die Handlung eingewoben – nichts wirkt konstruiert oder um des Effekts willen platziert.
Was mich besonders überzeugt: Die Spannung entsteht nicht primär durch Action, sondern durch psychologische Verdichtung. Es ist die Ungewissheit, die quält. Das Nicht-Wissen. Die langsame Erosion von Theos Geist, während gleichzeitig die Puzzle-Teile zusammenfinden.
Der Roman stellt unbequeme Fragen: Was richtet das Verschwinden eines Kindes mit einer Familie an? Wie ethisch ist True-Crime-Content? Wem gehört das Leid – den Betroffenen oder dem voyeuristischen Publikum? Hausmann gibt keine einfachen Antworten, aber sie zwingt uns, diese Fragen zu konfrontieren.
Die Auseinandersetzung mit Demenz als fortschreitender Realitätsverlust im Kontext eines Thrillers ist thematisch riskant, aber meisterhaft umgesetzt. Sie funktioniert auf mehreren Ebenen: als Plotdevice, als emotionaler Anker, als philosophische Reflexion über Wahrheit und Erinnerung.
Fazit
"Himmelerdenblau" ist kein Thriller für schnellen Nervenkitzel. Es ist ein literarisch ambitionierter Text, der Genre-Konventionen respektiert, aber gleichzeitig transzendiert. Romy Hausmann beweist, dass psychologischer Suspense und charaktergetriebenes Erzählen kein Widerspruch sein müssen.
Für mich als jemanden, der Thriller normalerweise meidet: Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen und bis zum Ende nicht losgelassen. Die Charakterentwicklung, der originelle Aufbau und die thematische Tiefe machen "Himmelerdenblau" zu einem der stärksten deutschsprachigen Thriller der letzten Jahre.
5 von 5 Sternen – Ein Buch, das zeigt, was im Genre möglich ist, wenn handwerkliches Können auf erzählerischen Mut trifft.