Zwei Körper, ein Herz – und eine Freundschaft, die alles aushält

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Manche Freundschaften beginnen mit einem „Willst du mit mir spielen?“. Andere mit einer Schleckmuschel. Und manche gehen so tief, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wo der eigene Körper aufhört und der des anderen beginnt.

Honey und Blondie lernen sich als Kinder im Berlin der 90er kennen. Eine Koreanerin und eine Deutsche, zwei Mädchen aus unterschiedlichen Familien und Lebenswelten – und doch sofort miteinander verbunden. Sie teilen Süßigkeiten, Geheimnisse, erste Schwärmereien, später Geld, Alkohol, Liebeskummer und die großen und kleinen Katastrophen des Erwachsenwerdens. Vor allem aber teilen sie etwas, das niemand sonst verstehen kann: ihre „Schleckmuschel“. Wenn eine von beiden von Angst oder Panik überwältigt wird, kann die andere buchstäblich in ihren Körper schlüpfen. Was zunächst wie ein seltsamer Zufall erscheint, wird zu einer Art geheimem Zufluchtsort und schließlich zu ihrer ganz eigenen Superkraft. Und vielleicht ist genau darin die schönste Idee dieses Romans verborgen: Was wäre, wenn Empathie nicht nur bedeuten würde, den anderen zu verstehen, sondern für einen Moment tatsächlich er selbst zu sein?

Ubin Eoh macht aus diesem fantastischen Einfall kein großes Fantasy-Spektakel. Im Gegenteil. Die Magie wird so selbstverständlich in den Alltag der beiden eingebaut, dass man sie irgendwann nicht mehr hinterfragt. Viel wichtiger ist nämlich, was sie ermöglicht: Honey kann erfahren, wie es ist, mit Blondies Leben zu leben – und Blondie mit Honeys. Dadurch werden Unterschiede plötzlich körperlich spürbar: Herkunft, Rassismus, soziale Ungleichheit, Sexismus, Verletzlichkeit. Die „Schleckmuschel“ ist damit nicht nur Zauberei, sondern ein ziemlich kluges literarisches Bild für radikale Nähe.

Besonders schön ist, wie lange wir die beiden begleiten dürfen. Aus den Mädchen werden Teenagerinnen, aus Teenagerinnen junge Frauen, und irgendwann stehen sie mitten im Leben. Die Freundschaft verändert sich, wird erwachsener, bekommt Risse und neue Formen – bleibt aber dieser eine Ort, an dem beide ganz sie selbst sein dürfen. Als Blondie schwer erkrankt, bekommt dieses Band eine ganz andere Schwere: Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, die Ängste der anderen mitzutragen, sondern um die Frage, wie weit man für einen Menschen gehen kann, den man liebt.

Dabei erzählt Eoh erstaunlich leicht. Ihr Stil ist modern, direkt und wunderbar ungekünstelt. Die Dialoge haben Tempo, die Sprache klingt nach echten Menschen und nicht nach Figuren, die gerade einen Roman bevölkern. Besonders die kleinen Alltagsbeobachtungen machen den Text lebendig. Und dann ist da dieses herrliche 90er-/2000er-Gefühl: Diddlmäuse, Fructis, Cola-Kracher, Prinzenbad und all die kleinen Dinge, die plötzlich wie Zeitkapseln funktionieren. Wer in dieser Zeit groß geworden ist, dürfte beim Lesen mehrfach denken: Oh Gott, ja – genau so war das!

Gleichzeitig bleibt der Roman nicht in Nostalgie stecken. Hinter dem Humor liegen Fragen nach Identität, Herkunft, Zugehörigkeit und den Zumutungen des Erwachsenwerdens. Eoh schafft es dabei, schwere Themen nicht mit Bedeutungsschwere zuzudecken. Vieles darf gleichzeitig komisch, traurig, absurd und schmerzhaft sein – so wie das Leben eben.

Und vielleicht ist das Schönste an *Honey und Blondie*, dass die Freundschaft hier nicht als perfekte Harmonie verkauft wird. Sie ist manchmal selbstverständlich, manchmal kompliziert, manchmal beinahe zu eng. Aber sie besitzt etwas, wonach sich wahrscheinlich jeder Mensch sehnt: emanden, bei dem man nichts erklären muss.

Ein warmherziger, witziger und überraschend berührender Debütroman über Freundschaft, die nicht nur neben einem steht, sondern buchstäblich unter die Haut geht.