Feministische Pflichtlektüre!

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Ich, die ich Männer nicht kannte war für mich keine spontane Lektüre, sondern eher etwas, das man irgendwann gelesen haben sollte. Ein dystopischer Roman, der immer wieder im feministischen Kontext genannt wird, also fast schon Pflicht.
Vierzig Frauen sind eingesperrt, bewacht von Männern, ohne zu wissen warum. Als sich ihre Situation verändert, beginnt keine klassische Befreiungsgeschichte. Es gibt keinen Aufbruch im heroischen Sinn, kein klares Ziel. Stattdessen folgt man einem Leben, das sich immer weiter reduziert. Überleben wird zum Alltag, nicht zur Hoffnung.
Erzählt wird aus der Perspektive des „Kindes“, das kein Davor kennt. Die anderen 39 Frauen wissen, was sie verloren haben. Beziehungen, Körperlichkeit, ein früheres Leben. Diese Erinnerung scheint sie schwerer zu machen. Das Kind dagegen lebt ohne Vergleich. Vielleicht liegt darin eine Form von Grausamkeit, vielleicht auch eine Art Nüchternheit. Gerade sie entwickelt eine unbedingte Neugier. Wissen nicht, um es zu nutzen, sondern um es zu haben. Dieser Gedanke hat mich lange begleitet.
Was das Buch so besonders macht, ist seine Konsequenz. Es gibt kaum Trost. Keine idealisierte Solidarität. Die Frauen sind aufeinander angewiesen, aber sie sind keine Heldinnen. Nähe entsteht, verschiebt sich, bricht wieder ab. Alles wirkt reduziert auf das Notwendigste.
Mich hat vor allem dieser Gedanke beschäftigt, dass Überleben nicht automatisch Sinn stiftet. Dass man weiterlebt, weil man eben noch lebt. Und dass Neugier vielleicht das Einzige ist, was dem etwas entgegensetzt.
Ein stiller, sehr klarer Roman, der weniger schreit als andere Dystopien, aber genau deshalb nachhallt.