Nur eine von fünf Erzählungen

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Jo Nesbø kann es: Spannung, moralische Grenzsituationen und die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn die zivilisatorischen Sicherungen versagen. „Insel der Ratten“ ist dafür ein durchaus überzeugendes Beispiel. Die titelgebende Dystopie führt in ein postpandemisches Amerika, in dem der Rechtsstaat kollabiert ist und Gewalt, Bandenherrschaft und der Kampf ums Überleben an seine Stelle treten. Besonders interessant wird das Szenario durch den Gegensatz zwischen dem Rechtsanwalt Will, der trotz des Zusammenbruchs an Recht und Ordnung festhalten möchte, und seinem persönlichen Bedürfnis nach Rache. Nesbø macht daraus keinen bloßen Action-Thriller, sondern eine durchaus ernstzunehmende Reflexion über Recht, Moral und Selbstjustiz.

Auch handwerklich ist die Erzählung stark. Nesbø entwickelt auf engem Raum eine beklemmende Atmosphäre, setzt Perspektivwechsel und Zeitsprünge wirkungsvoll ein und versteht es, die Spannung bis zum Showdown auf dem Hochhausdach zu steigern. Gerade aus einer beruflichen Perspektive, in der Recht und Ordnung keine abstrakten Begriffe sind, wirkt die Vorstellung einer Gesellschaft ohne funktionierende Rechtsordnung besonders bedrückend.

Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht im Text, sondern in dem Buch, das der deutsche Leser dafür in die Hand bekommt. „Insel der Ratten“ ist keine eigenständige neue Romanveröffentlichung, sondern eine von fünf Erzählungen aus dem bereits 2021 erschienenen norwegischen Band „Rotteøya og andre fortellinger“, der auch die anderen vier Geschichten enthält. Dass daraus nun eine einzelne Erzählung als 208-seitiges Hardcover vermarktet wird, hinterlässt einen ausgesprochen fragwürdigen Eindruck.

Fazit: Als Erzählung wären vier Sterne angemessen. Als eigenständiges, entsprechend vermarktetes Buch sind es für mich jedoch nur drei.