Pandemic Apocalypse Now!

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gürkchen Avatar

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Wir treffen die Juristen Will Adams und den steinreichen Unternehmer Colin Lowe auf dem Dach eines mächtigen Hochhauses, wo sie sich unterhalten. Es sind die letzten Minuten, bevor der Hubschrauber die wenigen Privilegierten mit einem Flugticket auf eine sichere Insel bringen wird – weg von dem tödlichen Virus und seinen verheerenden Folgen für die Bevölkerung. Während unten der Mob tobt, wird oben über die Macht des Geldes philosophiert und über ein notwendiges Strafmaß auf Basis einer demokratischen Verfassung debattiert. Die „Insel der Ratten“ war der Rückzugsort für Lowes Familie – ohne seinen tyrannischen Sohn. Dieser bevorzugte es, aus dem goldenen Gefängnis auszubrechen und selbst ein Imperium aufzubauen: mit Gier und Gnadenlosigkeit.

Justitia, die römische Göttin und Personifikation der Gerechtigkeit und des Rechtswesens, spielt für mich eine unterschwellige tragende Rolle. Auf den Motorradhelmen der gewaltbereiten Gang „Chaos“ um ihre Anführer Brad, den Sohn von Colin, und Yvonne prangt eine ausgeknockte Justitia mit einem Schuss zwischen den Augen. Das steht sinnbildlich für die Verrohung der Gesellschaft im gegenwärtigen Kampf „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Zart besaitet sollte man bei der Lektüre von Nesbø generell nicht sein, denn er scheut sich in seinen Beschreibungen nicht, das dreckige Ungetüm im Innersten der Menschheit nach außen zu kehren. In „Insel der Ratten“ wird die Gewalt noch einmal hochgeschraubt, wobei man vermutlich vor allem über die Brisanz erschaudert, wenn aus Hunger und Verzweiflung geplündert wird und Vergewaltigungen und Totschlag an der Tagesordnung sind. Angesichts der Ereignisse rund um die Corona-Pandemie herrscht weltweit mehr denn je ein rauer Ton, und der Weltfrieden hängt an einem seidenen Faden. Wie weit würde man im Ernstfall selbst gehen, wenn den nächsten Verwandten Gewalt oder Schlimmeres widerfährt?

Nesbø hat seinen Roman psychologisch geschickt aufgebaut und zieht uns als Zuschauer mühelos in die ungewöhnliche Männerfreundschaft hoch über der brennenden Stadt hinein. Die Sympathien sind klar verteilt, und mit jeder gelesenen Seite neigt sich die Waage von Justitia mehr zu dem gutmütigen Adams. Wie zwei aufmerksame Raubtiere in piekfeinen Anzügen, die sich auf den Sprung vorbereiten, schleichen die beiden Familienväter umeinander herum. Sie sind gefangen zwischen der Loyalität ihrer Freundschaft aus Kindertagen und der Verzweiflung wegen der Angst um ihr erstgeborenes Kind.

Am liebsten würde ich den Plot mit einem Schachspiel vergleichen. Colin ist der König im weißen Gewand und hat somit den Vorteil des ersten Zuges. Dank seiner Stellung ist er durch seine Dame („Vermögen“), Türme („Sicherheitspersonal“) und Springer („Kontakte“) gut geschützt und kann die Partie überschauen. Adams muss mit seinen geringeren Mitteln darauf hoffen, lange genug im Spiel zu bleiben, um ein faires Ergebnis zu erzielen. Kann ein einfacher Bauer einen König in Bedrängnis bringen? Schach! Matt?