Fischaugen

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eckelmann Avatar

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Drehe ich das Buch nach rechts, sehe ich die Augen der beiden Schwestern Mae und Edith nebeneinander - die Figur eines Fisches wird sichtbar. Einer, der im Wasser treibt. Das ist auch mein Gefühl beim Lesen des Buches. Von Anfang an gerate ich in den neun Kapiteln und insgesamt vier Teilen in eine starke Strömung, zeitweise fast in einen Strudel. Und je weiter ich treibe, um so schmutziger und trubelnder wird das Wasser. Das Schicksal der Kernfamilie um den früh die Familie verlassenen Vater Dennis und seiner Exfrau und Muse Marianne sowie deren Kinder, der Schwestern Mae und Edith, erlebe ich wie inmitten eines Schwarmes mitschwimmend. Um die Geschichten der Liebe und Trennung der Eheleute und den Selbstmordversuch der Mutter und deren nachfolgende klinische Betreuung herum ist ein vielstimmiges Panorama hörbar. Verwandte, Freunde und Nachbarn kommen zu Wort. Die Autorin lässt sie nacheinander jeweils in der Ich-Form erzählen. Schwierige Beziehungen, verstörendes Verhalten und Abhängigkeiten werden dabei von ganz verschiedenen Seiten aus und und in unterschiedlichen Zeiten beleuchtet. Der Roman setzt sich aus unzähligen, manchmal sehr kurzen Episoden zusammen. Die Schwestern haben insgesamt den größten Anteil. Mae spricht in der Vergangenheit, Edith bleibt gegenwärtig. Erst ganz am Ende treffen sich beide auf der Zeitebene des offenen Schlusses.
Ich habe mich zum einen vom Spannungsbogen der Autorin führen lassen, zum anderen mitunter etwas widerstrebend und sehr angestrengt von den Untiefen menschlichen Handelns und Verlangen erfahren. Es ist schon bedrückend zu lesen, wie Menschen aufeinander fixiert sind und sich auch wehtun. Viele Schicksale über die der 4 Protagonisten hinaus werden aufgezeigt und immer wieder miteinander verwoben. So richtig intensiv konnte ich mich aber in keine der Personen einfühlen. Mir scheint es, dass die Menschen hier trotz aller dramatischen Erlebnisse irgendwie in der Entwicklung ihrer Beziehungen stehenbleiben, verharren, in sich selbst verlieren. Wie Fische nebeneinander treiben. Sehr schillernd.
Am Ende bleibt mir ein kurzweiliges intensives Lesevergnügen, ein Staunen über einen schnellen Rausch sowie ein etwas verstörend Nachhall. Als Leser muss ich in diesem Roman bereit sein und mich darauf einlassen, dass Lesen zugleich Sucht und Leiden sein kann...