Eskapismus in eine bessere Welt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
christian1977 Avatar

Von

Miles und Kate ziehen mit ihren Kindern Wesley und Olive und Hund Giuseppe von Kalifornien in die Provinz nach Vermont. Kate hat in Greensbury eine einjährige Gastprofessur angeboten bekommen, während ihr Mann sich seit mittlerweile 14 Jahren mit seiner Doktorarbeit plagt. Schon mehrfach hat er das Thema geändert, nun sollen es die Russischen Volksmärchen sein. Während Kate schnell neue akademische Bekanntschaften schließt, zieht Miles’ Alltag so dahin. Skilanglauf, Sensenmähen - immerhin wendet er sich neuen Dingen zu. Doch erst, als er eine anonyme Einladungskarte zu einem Treffen der mysteriösen Jeremiah Wylkes Society erhält, scheint sich sein Leben wirklich zu ändern. Wer sind diese seltsamen Menschen, die daran glauben, dass sich eine Hohlwelt unter der Erde befindet? Und was hat Miles überhaupt damit zu tun?

“Landleute” ist der neue Roman von Daniel Mason, der in der deutschen Übersetzung von Cornelius Hartz bei C.H.Beck erschienen ist. Nach dem sämtliche literarische Grenzen sprengenden “Oben in den Wäldern” war ich äußerst neugierig auf das neue Werk des Amerikaners. Und auch, wenn “Landleute” nicht die Intensität des Vorgängers erreicht, zeigt sich abermals, dass Mason wohl einer der originellsten zeitgenössischen Schriftsteller ist.

Dabei gibt es einige Parallelen zwischen den beiden Büchern, die sich nicht auf die ähnlichen Cover beschränken. Hier wie da gibt es einen Apfelbauern, es gibt eine Figur namens Osgood, es gibt formale Brüche, Textexzerpte, Bilder und - natürlich - die Wälder als Protagonisten. Doch während “Oben in den Wäldern” in Massachusetts spielte, überschreiten wir diesmal die gemeinsame Grenze - was in “Landleute” übrigens nicht ganz ungefährlich ist - und siedeln uns ein paar Kilometer weiter nördlich in Greensbury, Vermont an.

Über 350 Seiten begleiten wir dort die Familie mit dem schier unaussprechlichen Nachnamen Krzelewski-Petrosian. Zentrale Figur ist Miles, der sich mit seiner weltfremden Naivität und seiner Laissez-faire-Attitüde schnell in die Herzen der Leser spielt. Während die im Gegensatz dazu etwas blass charakterisierte Erfolgsfrau Kate von Sitzung zu Seminar hetzt, lässt Miles oftmals einfach Fünfe gerade sein. Da hat es fast schon etwas Transzendentrales, wenn er lernt, die Sense zu schwingen, um die Felder zu beackern. Oder wenn er sich mit der neunjährigen Olive gekonnt auf den Langlaufskiern durch die Wälder bewegt.

Ohnehin ist die Figurenzeichnung die große Stärke von “Landleute”. Trotz der durchgehend ironisch-humoristischen Schreibweise Masons spürt man die Liebe des Autors zu diesem wahrlich verrückten Haufen. Sei es Olives Lehrerin Miss Kayleigh, die schon mal in Tarnkleidung die Grenze zu Massachusetts bewacht, oder der querschnittsgelähmte Hüne Snowflake Bentley, der sich als Reinkarnation eines berühmten Schneeflocken-Fotografen sieht. Daniel Mason zieht seine Charaktere stets liebevoll durch den Kakao, ohne sich wirklich lustig über sie zu machen. Dadurch strahlt “Landleute” nahezu über die volle Distanz eine Wärme aus, die sich unmittelbar auf mich übertrug.

Originell sind auch diesmal wieder die literarischen Brüche, die Daniel Mason den Landleuten gönnt. Es gibt beispielsweise Auszüge einer ständig wiederkehrenden Radiosendung zu Haushaltsthemen, die mit zu den komischsten Stellen im Buch gehören und auf die ich mich schon immer freute. Es gibt Zeitungsausschnitte - und natürlich Textpassagen von Jeremiah Wylkes und der Wylkes Society. Dieser Jeremiah Wylkes fand in Greensbury gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein unterirdisches geheimes Höhlensystem, das ihn zu fremden Welten, ausgestorbenen Tieren und prächtigen Palästen führte - alles im Inneren der Erde. Hier fühlte ich mich an Clemens J. Setz und seinen jüngsten Roman “Monde vor der Landung” erinnert, der sich mit der historischen Figur des Peter Bender ja ebenfalls einem Verfechter dieser Hohlwelt-Theorie widmete. Wobei Daniel Mason ungleich humorvoller an die Sache herangeht.

Eine Schwäche der “Landleute” ist dann auch ein wenig die fehlende Tiefe. Über die 350 Seiten gibt es kaum einmal ernsthafte Konflikte, alles verschwindet unter einer leichten ironischen Decke. Da ist es fast schon außergewöhnlich dramatisch, wenn Töchterchen Olive beim Skifahren zu schnell ist. Hinzu kommt, dass man dem Roman eine gewisse Geschwätzigkeit unterstellen könnte. Die einzelnen Geschichten der Charaktere schweifen oftmals zu stark ab, so dass ich nicht nur wegen der Skithematik an John Irvings “Der letzte Sessellift” denken musste. Oder an die weniger gelungenen Filme eines Wes Anderson, der ebenfalls dazu neigt, seine Figuren so schräg und ausufernd wie möglich anlegen zu wollen.

Für mich überwogen dennoch die Warmherzigkeit, der Humor und die Originalität des Textes, die “Landleute” zu einer überaus unterhaltsamen Lektüre machen. Und wenn Mason seinen Anti-Helden Miles gegen Ende des Buches erstmals in den Colloquia von Jeremiah Wylkes lesen lässt und dabei feststellt: “Eine solche Sehnsucht sprach aus diesem Text, dass er ihn fast schon traurig fand. Sehnsucht nach Gesellschaft, Sehnsucht nach Tieren, (...) Sehnsucht nach Güte und Freundlichkeit, nach Harmonie mit der Natur und den Mitmenschen”, so fragt man sich, ob es nicht auch genau diese Sehnsucht ist, mit der Daniel Mason an “Landleute” herangegangen ist und der Roman nicht auch als Eskapismus in eine bessere Welt gelesen werden kann.