Höchst vergnüglicher, tiefsinniger Roman

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MEINE MEINUNG
In seinem warmherzigen, humorvollen Roman „Landleute“ gelingt Daniel Mason eine unterhaltsame Mischung aus alltäglichem Familiendrama, skurrilem Landleben und denkwürdigen Begegnungen mit allerlei Sonderlingen..
Über die Zeitspanne eines einzigen Jahres begleiten wir Miles Krzelewski und Kate Petrosian, ein kalifornisches Akademikerpaar, das samt zwei Kindern und Familienhund Giuseppe ins ländlich geprägte Vermont zieht. Der Anlass ist Kates einjährige Gastprofessur an einem kleinen Privatcollege. Mit viel Augenzwinkern, einer feinen Satire auf urbane Selbstbilder und herrlich skurrilen Anekdoten erzählt Mason von einer Familie im Umbruch, die sich auf ein idyllisches Landleben gefreut hat und nach und nach mit einer Realität konfrontiert wird, die weit komplexer, widersprüchlicher und exzentrischer ist als ihre romantische Vorstellung davon.
Im Mittelpunkt steht Miles, der Prototyp des gebildeten Mannes mittleren Alters, der zunehmend spürt, dass er den klassischen Maßstäben von Karriere, akademischem Titel und beruflichem Status nicht mehr gerecht wird. Seit vierzehn Jahren schiebt er seine literaturwissenschaftliche Dissertation vor sich her, wechselt die Themen, verwirft Ansätze und stellt die eigenen akademischen Ambitionen immer wieder zugunsten der Karriere seiner Frau zurück. Stattdessen widmet er sich den herausfordernden Aufgaben des Hausmanns und liebevollen Vaters und blüht in dieser Rolle schon bald auf.
Mit scharfem Blick für Details und selbstironischen Zuspitzungen erzählt Mason, wie die frisch zugezogene Familie Krzelewski-Petrosian versucht, sich aus ihrem urbanen, intellektuellen Umfeld heraus in der ländlichen Dorfgemeinschaft einzuleben. Schon die ersten Begegnungen mit den eigenwilligen Einheimischen, jeder mit eigenen Obsessionen und teils schrulligen Lebensentwürfen, machen deutlich, dass hier völlig unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, mit denen sie sich arrangieren müssen.
Mit lebendigem Erzählstil zieht Mason uns mühelos in seine zunehmend skurriler werdende Geschichte hinein. Alltägliche Familiendramen, historische Anspielungen, erfundene Zitate aus einem lokalen Mythos und fantastische Illustrationen verwebt er zu einer fesselnden, vielschichtigen Handlung, die thematisch um Fragen nach Liebe und Scheitern, eigener Identität und Sinnsuche kreist, die viele Menschen in unserer zunehmend komplexen Gegenwart umtreiben.
Sehr nuancenreich und liebenswert sind die faszinierenden Charaktere gezeichnet, insbesondere die schrulligen Dorfbewohner und Verschwörungstheoretiker mit ihren alternativen Lebensentwürfen und ihrem Glauben an übernatürliche Phänomene. Ihre komplexen Persönlichkeiten in all ihrer Unzulänglichkeit und inneren Zerrissenheit sind sorgfältig und überzeugend ausgearbeitet.
Besonders unterhaltsam und eindrücklich schildert Mason, wie Miles als exzentrischer Akademiker und oftmals hilfloser Beobachter seiner eigenen Verstrickungen auf der Suche nach neuem Lebenssinn, Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit seinen eigenen Weg findet. Je besser er die eigenwilligen, mythenbegeisterten Einheimischen kennenlernt, desto tiefer gerät er in eine mystische Welt voller lokaler Anekdoten, Legenden und abstruser Verschwörungserzählungen.
Als weiteres zentrales Thema rückt Mason die stille Kraft des Geschichtenerzählens in den Fokus. Gerade die lokalen Legenden erweisen sich als Ausdruck eines kollektiven Bedürfnisses nach Bedeutung und Zusammenhalt und schweißen die so unterschiedliche Gemeinschaft aus allerlei Sonderlingen eng zusammen.
Auch wenn die Geschichte im Mittelteil etwas an Spannung und Dynamik einbüßt, konnte mich der Roman durch seinen feinen Humor und selbstironischen Ton, die liebevoll gezeichneten Figuren und die geschickte Verknüpfung von Alltäglichem und Mystischem bis zum Schluss für sich einnehmen.
Als kleine, humorvolle Spielerei und Seitenhieb auf akademische Unsitten überrascht er uns zum Ausklang mit einer einzigen, überlangen Fußnote, die selbst noch einmal eine eigene kleine Geschichte erzählt.

FAZIT
Ein warmherziger, scharfsinniger und äußerst komischer Roman. Auch wenn dem Roman im Mittelteil etwas die Spannung fehlt, punktet er mit seinem Gespür für skurrile Charaktere, feiner Selbstironie und vielschichtige Figuren, die man einfach ins Herz schließt.