Wenn Aufgaben vom Leben ablenken, man es aber nicht zulässt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
ninfee Avatar

Von

Dem Autor von "Landleuten" gelingt ein herrlich originelles Buch, das mehr wie eine Erzählung direkt aus dem (zugegebenermaßen einem etwas skurrilem) Leben gegriffen wirkt, als wie ein Roman. Wir begleiten Miles, Familienvater und Dauer-Doktorand seit 12 Jahren, und seine Familie beim Umzug aufs Land - vom sonnenverwöhnten Kalifornien geht es auf die gegenüberliegende Seite, in den Staat Vermont, der tatsächlich noch Winter mit Schnee erlebt.

Bevor wir in Miles' Leben eintauchen, werden zunächst einige Legenden und Geschichten aufgegriffen, die den Leser meiner Meinung nach aber ein wenig in die Irre führen. Die mysteriöse Komponente, mit der das Buch begonnen wird, spielt lange keine Rolle. Selbst auf die in den Klappentexten und Geschichten erwähnte "Hohlwelt" unter der Erde muss man lange warten. "Landleute" ist in erster Linie eine Erzählung, in der wir vorrangig Miles folgen und aus seiner Perspektive das ländliche Leben in Vermont erleben und mehr oder weniger ein Porträt der Landbevölkerung und ihres Alltags erhalten. Auf einen Kontrast Stadt/Land, der bei der Buchbewerbung erwähnt wird, wird eigentlich wenig bis gar nicht eingegangen.

Die Schreibweise des Autors finde ich phänomenal, sie macht den leicht ablenkbaren und etwas naiven, aber stets gutmütigen Charakter von Miles erlebbar. D.h. der Schreibstil des Buches spiegelt Miles Persönlichkeit, und dass dies das gesamte Buch über gelingt und sich "echt" anfühlt, als wäre Miles keine Romanfigur, sondern ein Mensch wie du und ich ist meiner Meinung nach ein absolutes Qualitätsmerkmal des Buches. Besonders gefällt mir daran, dass das Buch dank dieser Herangehensweise eigentlich auch lange Zeit ohne einen geradlinigen Handlungsstrang auskommt und trotzdem nicht so schnell langweilig wird. Wenn man sich auf dieses Eintauchen in eine Persönlichkeit und ihre Gedankenwelt einlassen kann. Denn einen "normalen" Roman erwarten, kann man hier dementsprechend nicht.
Am ehesten ist "Landleute" eine Geschichte über Selbstfindung bzw seinen Platz im Leben zu finden. Man folgt Miles auf seinen ganzen Wegen, die ihn von seiner eigentlichen Aufgabe abhalten, kommt mit ihm von Hölzchen auf Stöckchen und erfährt mit ihm dabei viel über die neue Heimat, die teils sonderbaren Dorfbewohner und über die verschiedensten Themen, die irgendetwas mit dieser neuen Heimat (im Großen und Ganzen) oder seiner Familie (Frau, zwei Kinder plus Hund), die natürlich zentral für Miles ist, zu tun haben.

Der Aufbau des Buches ist dabei mehr oder weniger folgender: Miles schildert seine Alltagsbeobachtungen sehr präzise und dermaßen detailliert, weil augenscheinlich unwichtige Beobachtungen in seinem Kopf intensiv verarbeitet werden und ihn nahezu jede Beobachtung dazu verleitet, sich mit neuen Themen zu beschäftigen. So merkt der Leser schnell, wieso Miles seine Doktorarbeit nicht zu Ende bringen kann - es gibt im Leben einfach viel zu viele Dinge, die Miles Aufmerksamkeit binden.

Ich glaube, ein Beispiel kann helfen, das etwas besser zu beschreiben: in einem Kapitel wird die gemeinnützige Organisation Greensbury Land Conservancy (GLC), eine Art Naturschutzverein vorgestellt. Es folgt ein Exkurs zu einem Gelände, das zur GLC gehört. Auf dem war eine Fabrik, über die der Leser im Anschluss erfährt, was dort jemals alles produziert worden ist und dass sie nun ein Museum ist. Das Miles Familie natürlich längst besucht hat. Dann folgen Infos dazu wie der Besuch verlief. Der Teil über die Organisation endet damit, dass Miles die Familie für einen Ausflug anmeldet. Angefangen hat das Thema damit, dass Miles sich mit irgendetwas anderem beschäftigt als mit seiner Doktorarbeit, in dem Fall mit einem Prospekt aus dem Tourismusbüro. Manchmal habe ich bei den ganzen Exkursen durchaus auch mal den eigentlichen Ausgangspunkt vergessen. Doch spätestens nach ein paar Seiten wird man durch die Geschichte selbst wieder dorthin zurückgeführt. Lange am Stück lesen konnte ich "Landleute" aber wegen diesem Stil tatsächlich nicht.

Das führt mich zu meinem einzigen Kritikpunkt: Nach etwa zwei Dritteln wird es etwas langatmig. Die Exkurse zu Miles Beobachtungen und Begegnungen arten etwas aus und, nur weil Miles alles faszinierend findet, der Leser tut es meiner Meinung nach nicht. Der dritte Teil des Buches hätte ruhig etwas früher beginnen können. Erst hier wird das im Klappentext erwähnte Thema der Hohlwelt unter der Erde überhaupt erst richtig aufgegriffen (zuvor gibt es nur mal eine Erwähnung). Erst hier wird Miles Teil einer Gruppe aus Einheimischen, die etwas sonderbar zu sein scheinen, aber in Miles Identitätskrise eine Bereicherung für ihn sind.

Mein Fazit:

Für Leser, die etwas Originelles suchen und Lust auf Themen wie Identitätskrise, Selbstfindung, Neuanfang, Familienleben, Dorfleben, Infragestellen von Glaubenssätzen haben, ist "Landleute" ein hervorragendes Buch. Der Roman ist witzig, teils absurd/skurril und bringt mit subtiler Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen so manche Dinge herrlich auf den Punkt. Aber ganz nebenbei. Für mich ein seltenes Fundstück eines tiefergehenden Romans!