Zwischen Schatten und Wirklichkeit

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suriamara Avatar

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„Mein zärtlicher Schatten“ von Johanna van Veen ist ein Roman, der sich weniger wie eine klassische Geistergeschichte liest, sondern eher wie ein langsames Hinabgleiten in eine Welt zwischen Wahn, Erinnerung und etwas Unaussprechlichem.

Im Zentrum steht Roos, deren Kindheit von Abhängigkeit, Manipulation und spiritistischen Séancen geprägt ist. Schon früh wird deutlich, dass ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht eindeutig greifbar ist, besonders durch die Präsenz des Geistes Ruth, der ihr als ständige, rätselhafte Begleiterin zur Seite steht. Als sie auf die geheimnisvolle Agnes Knoop trifft, verschiebt sich ihr gesamtes Leben: aus Enge wird scheinbare Freiheit, aus Kontrolle wird eine neue, ebenso verstörende Form von Bindung.

Besonders eindrucksvoll ist die Konstruktion der Erzählung. Die wechselnden Perspektiven - zwischen Roos’ Erleben und den nüchternen Protokollen eines Arztes - erzeugen eine irritierende Spannung, die den Leser ständig zwischen Zweifel und Mitgefühl schwanken lässt. Die Frage, ob hier tatsächlich Übernatürliches geschieht oder ob sich alles im Inneren einer traumatisierten Psyche abspielt, bleibt bewusst offen und trägt wesentlich zur Sogwirkung bei.

Stilistisch überzeugt der Roman durch eine dichte, fast poetische Sprache, die konsequent eine melancholisch-dunkle Atmosphäre aufbaut. Gleichzeitig entfaltet sich eine fragile, emotional aufgeladene Beziehungsgeschichte, die ebenso verletzlich wie obsessiv wirkt.

„Mein zärtlicher Schatten“ ist kein leicht zugängliches Buch, sondern ein bewusst langsam erzählter Gothic-Roman, der mehr über Stimmung und seelische Abgründe erzählt als über äußere Handlung. Gerade dadurch bleibt er lange im Gedächtnis; unruhig, vielschichtig und bewusst ambivalent.