Wie ein Tier ohne Fell
»Wenn ich am Abend nicht ruhig liegen kann, endlich schlafen will, komme ich mir vor, wie ein Tier ohne Fell.« (Seite 92)
In ihrem Debütroman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ nimmt uns Lilli Tollkien in eine Kindheit zwischen Idealen und Vernachlässigung mit, in eine Geschichte, die mittels sprachlicher Eindringlichkeit erschüttert.
Wir werden direkt auf Seite 1 hineingeworfen, mitten ins Geschehen. In Lilli Tollkiens Roman verfolgen sie die Geschichte von Lale schon vor ihrer Stunde Null, bevor sie geboren wird. Mit ihr erleben wir im Mutterleib den versuchten Entzug der Mutter und Lales ersten Rausch. Der Vater ist in einen Raubüberfall verwickelt, während Lale sich auf den Weg in die Welt macht, später landet er im Gefängnis.
Lale verbringt ihre ersten Lebenstage im Inkubator, auf Entzug. Schon von Anfang an ist Lales Leben unsicher, fragil und schwer. Diese frühe Verwundbarkeit zieht sich durch das ganze Buch.“
Tollkien beschreibt das Leben aus Lales Sicht, näher dran geht es nicht. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, in welcher Vernachlässigung Lale aufwächst. Sexueller Missbrauch nähert sich zwischen den Zeilen an, der dann nur ein paar Seiten später benannt wird ohne explizit ausgesprochen zu werden.
Lale wächst in West-Berlin der Achtzigerjahre in einer politisch linksalternativen Männer-WG auf. Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Utopien prägen das Milieu. Gleichzeitig sind Rausch und Respektlosigkeit allgegenwärtig. Im Alltag fehlt es an Stabilität, Schutz und Verantwortung. Die WG ist chaotisch, die Kindheit geprägt von Vernachlässigung, Gewalt und Haltlosigkeit.
Vor allem Frauen wechseln ständig durch die WG; Lale erlebt hautnah, wie sie von den Männern als austauschbar und nutzbar betrachtet werden. Dieses Verhalten prägt auch ihr Selbstbild: Sie lernt früh, dass ihr Körper verwundbar ist, und erlebt die gleiche Missachtung am eigenen Leib. Männer in ihrem Umfeld nutzen jede Gelegenheit um ihre Schutzbedürftigkeit und Sehnsucht danach gesehen zu werden, gnadenlos aus.
Momente der Leichtigkeit sind selten; die Schule wird zu einer der wenigen Stützen, alles dort ist strukturiert, berechenbar und sicher.
Die Erzählerin blickt aus der Gegenwart auf ihre Vergangenheit – erstaunlich nüchtern und ohne moralische Wertung. Diese Klarheit macht den Roman so eindringlich. Tollkien lässt den Leserinnen und Lesern viel Raum für eigene Interpretationen und Gefühle. Die Entwicklung ist emotional intensiv, niemals sentimental oder belehrend.
Der Titel beschreibt Lales Last: Verantwortung tragen zu müssen, obwohl sie selbst Schutz benötigt. Sie trägt das Gewicht ihrer Erinnerungen und der Vernachlässigung – eine eindringliche Metapher für Parentifizierung. Poetisch, fragil und gleichzeitig schwer, fängt er den Ton des Buches perfekt ein, ohne den Blick auf Hoffnung zu verlieren.
Vorsicht: Das Buch kann triggern, insbesondere bei Erfahrungen mit sexueller Gewalt oder Vernachlässigung durch Suchtkrankheiten.
Fazit: Ein eindringliches, schonungsloses Debüt, das mit klarer Sprache und intensiver emotionaler Wirkung überzeugt. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein kraftvoller, leiser Roman über Kindheit, Missbrauch, Verantwortung und Überleben – ein außergewöhnliches Leseerlebnis, das mich persönlich tief beeindruckt hat.
In ihrem Debütroman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ nimmt uns Lilli Tollkien in eine Kindheit zwischen Idealen und Vernachlässigung mit, in eine Geschichte, die mittels sprachlicher Eindringlichkeit erschüttert.
Wir werden direkt auf Seite 1 hineingeworfen, mitten ins Geschehen. In Lilli Tollkiens Roman verfolgen sie die Geschichte von Lale schon vor ihrer Stunde Null, bevor sie geboren wird. Mit ihr erleben wir im Mutterleib den versuchten Entzug der Mutter und Lales ersten Rausch. Der Vater ist in einen Raubüberfall verwickelt, während Lale sich auf den Weg in die Welt macht, später landet er im Gefängnis.
Lale verbringt ihre ersten Lebenstage im Inkubator, auf Entzug. Schon von Anfang an ist Lales Leben unsicher, fragil und schwer. Diese frühe Verwundbarkeit zieht sich durch das ganze Buch.“
Tollkien beschreibt das Leben aus Lales Sicht, näher dran geht es nicht. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, in welcher Vernachlässigung Lale aufwächst. Sexueller Missbrauch nähert sich zwischen den Zeilen an, der dann nur ein paar Seiten später benannt wird ohne explizit ausgesprochen zu werden.
Lale wächst in West-Berlin der Achtzigerjahre in einer politisch linksalternativen Männer-WG auf. Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Utopien prägen das Milieu. Gleichzeitig sind Rausch und Respektlosigkeit allgegenwärtig. Im Alltag fehlt es an Stabilität, Schutz und Verantwortung. Die WG ist chaotisch, die Kindheit geprägt von Vernachlässigung, Gewalt und Haltlosigkeit.
Vor allem Frauen wechseln ständig durch die WG; Lale erlebt hautnah, wie sie von den Männern als austauschbar und nutzbar betrachtet werden. Dieses Verhalten prägt auch ihr Selbstbild: Sie lernt früh, dass ihr Körper verwundbar ist, und erlebt die gleiche Missachtung am eigenen Leib. Männer in ihrem Umfeld nutzen jede Gelegenheit um ihre Schutzbedürftigkeit und Sehnsucht danach gesehen zu werden, gnadenlos aus.
Momente der Leichtigkeit sind selten; die Schule wird zu einer der wenigen Stützen, alles dort ist strukturiert, berechenbar und sicher.
Die Erzählerin blickt aus der Gegenwart auf ihre Vergangenheit – erstaunlich nüchtern und ohne moralische Wertung. Diese Klarheit macht den Roman so eindringlich. Tollkien lässt den Leserinnen und Lesern viel Raum für eigene Interpretationen und Gefühle. Die Entwicklung ist emotional intensiv, niemals sentimental oder belehrend.
Der Titel beschreibt Lales Last: Verantwortung tragen zu müssen, obwohl sie selbst Schutz benötigt. Sie trägt das Gewicht ihrer Erinnerungen und der Vernachlässigung – eine eindringliche Metapher für Parentifizierung. Poetisch, fragil und gleichzeitig schwer, fängt er den Ton des Buches perfekt ein, ohne den Blick auf Hoffnung zu verlieren.
Vorsicht: Das Buch kann triggern, insbesondere bei Erfahrungen mit sexueller Gewalt oder Vernachlässigung durch Suchtkrankheiten.
Fazit: Ein eindringliches, schonungsloses Debüt, das mit klarer Sprache und intensiver emotionaler Wirkung überzeugt. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein kraftvoller, leiser Roman über Kindheit, Missbrauch, Verantwortung und Überleben – ein außergewöhnliches Leseerlebnis, das mich persönlich tief beeindruckt hat.