Einfühlsam, berührend und fesselnd
„Ich will schwimmen lernen, dachte Mo. Ich will leben lernen.“ (S. 166)
Julya Rabinowichs Mo & Moritz ist ein Roman, der viel will – und dabei oft sehr berührt. Es ist eine Geschichte über Flucht und Trauma, über jugendliche Identitätssuche, über queere Liebe und darüber, wie schwer es sein kann, in einer Welt aufzuwachsen, die von Angst, Schweigen und unausgesprochenen Erwartungen geprägt ist.
Mos Familie ist aus einem vom Krieg gezeichneten Land nach Wien geflohen. Seitdem liegt das gemeinsam Erlebte wie eine unsichtbare, zentnerschwere Last auf dem Familienleben. Jedes Familienmitglied versucht auf eigene Weise, mit den traumatischen Erfahrungen umzugehen – was sie eint, ist das Schweigen. Mittendrin steht Mo, der sich gegen Alltagsrassismus zur Wehr setzt und dafür von der Schule fliegt. In der Zeit danach beginnt er, sich seiner neuen Identität anzunähern – auch, weil er auf Menschen trifft, die ihm mit Offenheit und Wohlwollen begegnen. Besonders Herr Franz, sein Meister in der Friseurlehre, die Mo nach dem Schulverweis beginnt, wird zu einer wichtigen Bezugsperson und zu einem freundlichen Mentor.
Dann lernt Mo, der früher Mojad hieß, Moritz kennen. Mo stammt aus einer Familie mit muslimischen Wurzeln, Moritz aus einer jüdischen Familie – beide Familien tragen ihre eigenen Traumata mit sich. Allen Widerständen zum Trotz verlieben sich die beiden Jungen ineinander und finden auf zunächst sehr zarte, von Mos Seite auch zögerliche Weise zueinander. In Mos Welt ist Homosexualität jedoch etwas, das eigentlich nicht einmal gedacht werden darf. Ihre Beziehung verbergen sie deshalb vor Mos Familie. Die Eltern von Moritz lassen die Jungen gewähren, doch ihre Bauchschmerzen bleiben spürbar: Die Angst vor Terror und Verfolgung sitzt tief – und einem Moslem mit Vertrauen zu begegnen, ist vor allem für Moritz’ Mutter ein emotionaler Kraftakt.
Als Mos älterer Bruder verschwindet, spitzt sich die Situation in seiner Familie weiter zu, und alles droht zu zerbrechen.
Rabinowichs Roman über jugendliche Identitätssuche in einem fremden Land, familiäre Loyalität und Queerness ist sprachlich sehr schön gestaltet. An manchen Stellen habe ich laut gelacht, an anderen habe ich mich an der poetischen Bildsprache erfreut. So nennt Mo einen Hund im Friseursalon einen „grimmigen Dertutnix-Höllenhund“ oder beschreibt „stadtlichthelle Wolken“, aus denen „kleine, weiße Flöckchen auf ihn niederfielen“. Wenn er den Salon betritt, noch bevor die Kundschaft kommt, ist das für ihn „eine kurze, magische Zeit, die an das Warmlaufen einer großen, filigranen Masch
Neben Alltagsrassismus, queerem Aufwachsen in einer muslimisch geprägten Familie, Fluchterfahrungen, Trauma, Identitätssuche und familiären Konflikten thematisiert der Roman außerdem Klassismus und nicht zuletzt Radikalisierung. Und hier wurde es mir fast zu viel. Die Geschichte ist keineswegs unrealistisch, wirkt für diese Vielzahl an Themen aber recht kurz. Für mich bleiben dadurch einige wichtige Zwischentöne und Entwicklungsschritte auf der Strecke. Besonders der Charakter von Moritz bleibt mir zu schemenhaft, und auch die Entwicklung der vertrauensvollen Beziehung zwischen den beiden Jungen hätte mehr Raum vertragen.
Trotzdem habe ich Mo & Moritz sehr gern gelesen und möchte das Buch eindrücklich weiterempfehlen. Gerade weil Rabinowich so viele komplexe Themen miteinander verwebt, ist der Roman emotional berührend und regt zum Nachdenken an – auch dort, wo er mich als Leserin mit ein paar Leerstellen zurücklässt.
Julya Rabinowichs Mo & Moritz ist ein Roman, der viel will – und dabei oft sehr berührt. Es ist eine Geschichte über Flucht und Trauma, über jugendliche Identitätssuche, über queere Liebe und darüber, wie schwer es sein kann, in einer Welt aufzuwachsen, die von Angst, Schweigen und unausgesprochenen Erwartungen geprägt ist.
Mos Familie ist aus einem vom Krieg gezeichneten Land nach Wien geflohen. Seitdem liegt das gemeinsam Erlebte wie eine unsichtbare, zentnerschwere Last auf dem Familienleben. Jedes Familienmitglied versucht auf eigene Weise, mit den traumatischen Erfahrungen umzugehen – was sie eint, ist das Schweigen. Mittendrin steht Mo, der sich gegen Alltagsrassismus zur Wehr setzt und dafür von der Schule fliegt. In der Zeit danach beginnt er, sich seiner neuen Identität anzunähern – auch, weil er auf Menschen trifft, die ihm mit Offenheit und Wohlwollen begegnen. Besonders Herr Franz, sein Meister in der Friseurlehre, die Mo nach dem Schulverweis beginnt, wird zu einer wichtigen Bezugsperson und zu einem freundlichen Mentor.
Dann lernt Mo, der früher Mojad hieß, Moritz kennen. Mo stammt aus einer Familie mit muslimischen Wurzeln, Moritz aus einer jüdischen Familie – beide Familien tragen ihre eigenen Traumata mit sich. Allen Widerständen zum Trotz verlieben sich die beiden Jungen ineinander und finden auf zunächst sehr zarte, von Mos Seite auch zögerliche Weise zueinander. In Mos Welt ist Homosexualität jedoch etwas, das eigentlich nicht einmal gedacht werden darf. Ihre Beziehung verbergen sie deshalb vor Mos Familie. Die Eltern von Moritz lassen die Jungen gewähren, doch ihre Bauchschmerzen bleiben spürbar: Die Angst vor Terror und Verfolgung sitzt tief – und einem Moslem mit Vertrauen zu begegnen, ist vor allem für Moritz’ Mutter ein emotionaler Kraftakt.
Als Mos älterer Bruder verschwindet, spitzt sich die Situation in seiner Familie weiter zu, und alles droht zu zerbrechen.
Rabinowichs Roman über jugendliche Identitätssuche in einem fremden Land, familiäre Loyalität und Queerness ist sprachlich sehr schön gestaltet. An manchen Stellen habe ich laut gelacht, an anderen habe ich mich an der poetischen Bildsprache erfreut. So nennt Mo einen Hund im Friseursalon einen „grimmigen Dertutnix-Höllenhund“ oder beschreibt „stadtlichthelle Wolken“, aus denen „kleine, weiße Flöckchen auf ihn niederfielen“. Wenn er den Salon betritt, noch bevor die Kundschaft kommt, ist das für ihn „eine kurze, magische Zeit, die an das Warmlaufen einer großen, filigranen Masch
Neben Alltagsrassismus, queerem Aufwachsen in einer muslimisch geprägten Familie, Fluchterfahrungen, Trauma, Identitätssuche und familiären Konflikten thematisiert der Roman außerdem Klassismus und nicht zuletzt Radikalisierung. Und hier wurde es mir fast zu viel. Die Geschichte ist keineswegs unrealistisch, wirkt für diese Vielzahl an Themen aber recht kurz. Für mich bleiben dadurch einige wichtige Zwischentöne und Entwicklungsschritte auf der Strecke. Besonders der Charakter von Moritz bleibt mir zu schemenhaft, und auch die Entwicklung der vertrauensvollen Beziehung zwischen den beiden Jungen hätte mehr Raum vertragen.
Trotzdem habe ich Mo & Moritz sehr gern gelesen und möchte das Buch eindrücklich weiterempfehlen. Gerade weil Rabinowich so viele komplexe Themen miteinander verwebt, ist der Roman emotional berührend und regt zum Nachdenken an – auch dort, wo er mich als Leserin mit ein paar Leerstellen zurücklässt.