Eine feinsinnige Rache, eine Liebeserklärung an einen Hund und ein Hoffnungsschimmer in einer bedrohlichen Gegenwart

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Eine feinsinnige Rache, eine Liebeserklärung an einen Hund und ein Hoffnungsschimmer in einer Gegenwart, in der die Zukunft uns bereits bedrohlich eingeholt hat

Nachdem Martina Hefter 2024 völlig zu Recht mit ihrem Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sind die Erwartungen an ihr neues Werk riesig. Mit „Nach der Sonne schauen“ ist ihr ein leiser, atmosphärischer und zutiefst kluger Nachfolger gelungen. Ein Roman, der ein unmissverständliches Lebensmotto ins Zentrum stellt: „Allem Schlechten auf der Welt muss man mit Schönheit begegnen.“ Dieses Zitat fungiert wie ein trotziges, tief berührendes Credo gegen die Krisen und die Kälte unserer Gegenwart.

Im Mittelpunkt steht die Installationskünstlerin Iona Bartschok, die sich über den Sommer in eine alte, umgebaute Industriehalle im Leipziger Umland zurückzieht. Die künstlich geflutete, ehemalige Tagebauregion mit ihrem permanenten Wind offenbart eine karge Ästhetik. Hier arbeitet Iona an einem futuristischen Projekt: der Vision einer menschenleeren Natur in fünftausend Jahren. Begleitet wird sie dabei anfangs nur von „Robyn“, einem projizierten, leicht verzögert agierenden KI-Bildschirmhund, dessen künstliche, ungelenke Art die digitale Entfremdung unserer Gegenwart perfekt widerspiegelt. Erst als ihr die echte Hündin Bella zuläuft, weicht diese digitale Isolation einer echten, lebendigen Wärme. Später bricht Nova, die Nichte des Vermieters, in diese Isolation ein und bringt noch mehr in Bewegung.

„Nach der Sonne schauen“ ist ein Buch, das Zeit braucht. Ich habe es selbst sehr langsam gelesen und immer wieder bewusst weggelegt, um das Gelesene nachwirken zu lassen. Dieses entschleunigte Lesen tut Werk und Leserin gleichermaßen gut. So kann sich die poetische Wucht des Romans ungestört entfalten.

In den Namen ihrer Figuren steckt Bedeutung: Die Protagonistin Iona trägt ihre Isolation quasi schon im Namen – ich musste die Suchmaschine anschmeißen: Iona ist der Name einer abgelegenen schottischen Insel. Gleichzeitig bedeutet der Name im Hebräischen „die Taube“, das klassische Symbol des Friedens. Das passt zu Ionas friedfertigem Versuch, der Härte der Gegenwart mit Kunst zu begegnen.

Nova könnte man dabei als Gegenpol bezeichnen. Wie eine astronomische Nova – ein Stern, der plötzlich explosionsartig hell aufleuchtet – bricht sie in Ionas Einsamkeit ein. Sie bringt als dynamische Kraft das Neue und die nötige Energie mit, um Ionas Starre zu durchbrechen.

Pro-Tipp: Wer mag, kann die Bedeutung der Vor- und, wenn genannt, Nachnamen aller Protagonist*innen recherchieren und wird hier auf einige Aha-Erlebnisse stoßen.

Das faszinierendste Element des Romans ist für mich jedoch die meisterhafte Meta-Ebene über den Kulturbetrieb. Iona flieht auch deshalb in die Einöde, weil der Künstler Herto Straus ihr emotional wichtigstes Kunstwerk – ein mit Herzblut erschaffenes Baumhaus – mutwillig beschädigt und mit dem Wort „Bullshit“ besprüht.

Im Namen „Herto Straus“ steckt übrigens die Assoziation zu Herostratos – einer antiken Figur, die durch die Vernichtung von Schönheit berühmt wurde.

Es braucht nicht viel Fantasie, um hier die Verarbeitung eines realen Kultur-Skandals zu erkennen: Als Martina Hefter 2024 den Buchpreis erhielt, sorgte der Leipziger Autor Clemens Meyer mit einem wütenden Ausbruch und Angriffen auf die Gewinnerin für Schlagzeilen und stellte sich so selbst in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.
Hefter wählt für diesen realen Vandalismus an ihrer Leistung die eleganteste aller künstlerischen Antworten: Sie transformiert die erlittene Kränkung in große Literatur.

Die Art und Weise, wie die Autorin dieses Erlebnis verarbeitet, ist dabei unfassbar humorvoll, stilvoll und zeugt von einer wunderbaren, kreativen Souveränität. Die unterdrückte Wut entlädt sich im Laufe des Buches schließlich in einem zornigen Racheakt, bei dem am Ende aber doch die Schönheit siegt.

Es ist die entscheidende Erkenntnis der Geschichte: Dunkelheit kann man nicht mit Dunkelheit bekämpfen, sondern nur mit Licht.

Das Buch zeigt eindrücklich, dass die Suche nach Schönheit keine naive Flucht ist, sondern eine Überlebensstrategie, um in dieser Welt nicht zu verzweifeln.

„Nach der Sonne schauen“ ist eine feinsinnige Rache, eine Liebeserklärung an einen Hund und ein Hoffnungsschimmer in einer Gegenwart, in der die Zukunft uns bereits bedrohlich eingeholt hat.

Ein absolut lohnendes, nachwirkendes Buch, an das ich noch oft - mit einer großen Sonne im Herzen - denken werde.