Schwer vorstellbar

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milena_lre Avatar

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Queen of Faces – Die Königin der tausend Gesichter hat wirklich ein sehr wildes und außergewöhnliches Konzept. In dieser Welt ist der eigene Körper im Grunde genommen nur noch eine Hülle. Wer genug Geld besitzt, kann sich immer wieder einen neuen, frischen Körper kaufen und dadurch gefühlt nahezu endlos leben. Gleichzeitig bedeutet das aber auch: Wer arm ist, hat diese Möglichkeit nicht. Gesundheit, Schönheit und letztendlich sogar Lebenszeit sind damit vom eigenen sozialen Status abhängig. Diese Grundidee fand ich von Anfang an extrem spannend und gleichzeitig ziemlich erschreckend.

Handlung & Worldbuilding

Im Mittelpunkt stehen vor allem Ana und Nell, die beide auf unterschiedliche Weise mit diesem System zu kämpfen haben.

Ana lebt seit einer schweren Verletzung in Edgar, einem männlichen Körper, der zunehmend verfällt und nicht mehr lange durchhalten wird. Ihre große Hoffnung ist die Aufnahme an der Paragon Academy, denn dort hätte sie endlich die Chance auf einen neuen Körper. Besonders mochte ich an Ana, wie sehr sie für diesen Traum kämpft. Sie lässt sich trotz ihrer Situation nicht unterkriegen und versucht immer wieder, einen Weg zu finden. Dazu kommt ihre Magie, mit der sie Illusionen erschaffen kann, was ich richtig cool fand.

Neben ihr lernen wir Nell kennen, mit der ich anfangs deutlich weniger anfangen konnte. Je mehr ich allerdings über sie und ihre Vergangenheit erfahren habe, desto sympathischer wurde sie mir. Besonders heftig fand ich ihre familiäre Situation. Dass sie von ihrer eigenen Mutter verstoßen und zur Strafe in einen männlichen Körper gesteckt wurde, weil sie nicht gut genug war, hat mir wirklich leidgetan. Dadurch konnte ich immer besser verstehen, warum Nell so geworden ist, wie sie ist. Ihre Entscheidungen und vor allem die Art, wie sie ihre Ziele erreichen möchte, finde ich trotzdem nicht immer gut – aber ich kann zumindest nachvollziehen, woher dieses Verhalten kommt.

Die Körperwechsel – genial und gleichzeitig mein größtes Problem

Die Idee mit den wechselbaren Körpern ist definitiv das Alleinstellungsmerkmal des Buches. Gleichzeitig war genau das aber auch etwas, womit ich beim Lesen immer wieder Schwierigkeiten hatte.

Ich fand es irgendwie suspekt, dass die Person, die äußerlich beschrieben wird, nie wirklich die Person ist, die eigentlich in diesem Körper steckt. Man bekommt dadurch fast nie ein „echtes“ Bild der Figuren. Gerade unsere beiden Hauptprotagonistinnen befinden sich jeweils in männlichen Körpern. Natürlich ergibt das innerhalb der Geschichte Sinn und gehört zum Konzept des Buches, trotzdem hat es mich beim Lesen überraschend stark gestört.

Nach ungefähr 150 Seiten war ich deshalb trotz der interessanten Geschichte noch immer nicht zu 100 % überzeugt. Mir hat einfach dieses richtige Bild einer Figur im Kopf gefehlt. Bei Ana hatte ich beispielsweise Edgar vor Augen – grau, krank und gefühlt schon halb am Auseinanderfallen. Aber Edgar ist eben nicht Ana. Ich sehe einen Körper vor mir, von dem ich gleichzeitig weiß, dass er überhaupt nicht widerspiegelt, wer diese Person eigentlich ist.

Das ist natürlich irgendwo genau der Punkt, den die Geschichte machen möchte: Ist ein Mensch sein Körper oder das, was darin steckt? Trotzdem hat es bei mir dazu geführt, dass eine gewisse Distanz zu den Charakteren geblieben ist. Normalerweise entsteht beim Lesen irgendwann automatisch ein festes Bild einer Figur in meinem Kopf. Hier konnte sich dieses Bild nie richtig entwickeln.

Charaktere & Entwicklung

Trotzdem gehören Ana und Nell für mich zu den stärkeren Seiten des Buches. Vor allem mochte ich, dass beide ganz unterschiedliche Ausgangssituationen haben und trotzdem unter demselben gesellschaftlichen System leiden.

Ana ist für mich dabei die deutlich zugänglichere Protagonistin. Sie kämpft, obwohl ihr eigener Körper immer weiter versagt, für ihren Traum und gibt nicht einfach auf. Manchmal war sie mir zwar etwas zu weinerlich und ängstlich, gleichzeitig kann ich ihr das angesichts ihrer Situation kaum wirklich vorwerfen.

Nell entwickelt sich für mich hingegen vor allem dadurch, dass wir nach und nach mehr über sie erfahren. Anfangs war sie mir nicht unbedingt sympathisch, später konnte ich viele ihrer Reaktionen deutlich besser nachvollziehen. Gerade das Verhältnis zu ihrer Mutter erklärt einiges an ihrem Verhalten. Das bedeutet für mich nicht, dass ihre Handlungen automatisch richtig sind – aber sie werden verständlicher.

Beziehungen & emotionale Bindung

Bei den Beziehungen zwischen den Figuren hat mir dagegen etwas gefehlt. Es entsteht im Laufe der Geschichte zwar immer stärker eine Gemeinschaft und das Thema Zusammenhalt bekommt eine wichtige Bedeutung, aber emotional hat mich dieser Found-Family-Aspekt nicht vollständig erreicht.

Auch die romantischen Ansätze hätte ich persönlich nicht unbedingt gebraucht. Gerade bei diesem Buch hätte ich es viel interessanter gefunden, wenn stärker darauf eingegangen worden wäre, was die ständigen Körperwechsel überhaupt für zwischenmenschliche oder romantische Beziehungen bedeuten. Wenn sich das Äußere eines Menschen komplett verändern kann, stellt sich schließlich automatisch die Frage, welche Rolle körperliche Anziehung überhaupt noch spielt. Dieses Thema hätte meiner Meinung nach unglaublich viel Potenzial gehabt.

Schreibstil, Aufbau & Spannung

Sprachlich lässt sich das Buch sehr angenehm lesen. Obwohl die Welt zunächst kompliziert klingt und viele eigene Begriffe eingeführt werden, hatte ich keine Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Begriffe wie „Mark“ für die Essenz eines Menschen oder „Gehäuse“ für die Körper erklären sich beim Lesen fast von selbst.

Auch die Welt ist grundsätzlich übersichtlich aufgebaut. Es gibt eine Unter-, Mittel- und Oberstadt, wodurch die gesellschaftlichen Unterschiede direkt räumlich sichtbar werden. Besonders cool fand ich die Paragon Academy, die über der Stadt in den Wolken schwebt. Allein diese Vorstellung hat mir richtig gut gefallen.

Mein größtes Problem war allerdings der Spannungsbogen. Gerade die ersten ungefähr 100 bis 150 Seiten fand ich richtig interessant. Ich wollte mehr über diese Welt, die Körper und die Academy erfahren. Danach hat die Geschichte für mich jedoch deutlich nachgelassen.

Es gibt zwar immer wieder spannende und actionreiche Szenen, aber gerade die Abschnitte dazwischen haben sich für mich teilweise ziemlich gezogen. Bei einem so langen Buch wurde das irgendwann anstrengend. Dazu kamen einige Wiederholungen und Wendungen, die mich nicht so sehr überraschen konnten, wie sie vermutlich sollten.

Atmosphäre

Auch bei der Einordnung als Dark Fantasy beziehungsweise Dark Academia hatte ich andere Erwartungen. Die Geschichte behandelt definitiv düstere Themen. Allein die Vorstellung, dass sich wohlhabende Menschen immer wieder neue Körper kaufen können, während arme Menschen in kranken oder sterbenden Körpern feststecken, ist ziemlich grausam.

Trotzdem hat sich das Buch für mich insgesamt wesentlich stärker nach Young Adult Fantasy angefühlt. Gerade von der Paragon Academy hätte ich gerne viel mehr bekommen. Eine magische Schule, die in den Wolken schwebt, hätte für mich so viel Potenzial für eine richtig besondere und düstere Atmosphäre gehabt.

Fazit

Queen of Faces hinterlässt mich ziemlich zwiegespalten. Die Grundidee gehört definitiv zu den ungewöhnlicheren Fantasykonzepten, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Besonders die Verbindung zwischen Körpern, Geld, Macht und sozialem Status fand ich spannend. Ana mochte ich als Protagonistin sehr und auch Nell ist mir mit jeder Information über ihre Vergangenheit mehr ans Herz gewachsen.

Gleichzeitig war ausgerechnet das Körperkonzept auch eines meiner größten Probleme. Mir fehlte beim Lesen ein richtiges Bild der Figuren, weil der Körper, den ich beschrieben bekomme, eben nicht wirklich die Person ist, die darin lebt. Dadurch blieb für mich immer eine gewisse Distanz bestehen.

Dazu kam, dass mich die Geschichte nach einem starken Anfang irgendwann verloren hat. Die Handlung zog sich für mich zu sehr, manche Möglichkeiten des Körperwechsels wurden nicht weit genug ausgeschöpft und emotional hätte ich mir bei den Beziehungen zwischen den Charakteren mehr Tiefe gewünscht.

Ich finde das Buch deshalb überhaupt nicht schlecht. Im Gegenteil: Es steckt unglaublich viel Kreativität darin und die Grundidee ist wirklich stark. Für mich persönlich konnte die Umsetzung aber leider nicht ganz mit dem Potenzial des Konzepts mithalten.

⭐⭐⭐ 3/5 Sterne