Atmosphärisch, aber etwas distanziert

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noiram Avatar

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In "Schlaf" von Honor Jones geht es um Margaret. Sie wächst in einem New Yorker Vorort auf, der alles andere als eine Idylle ist. Sie ist gefangen zwischen einer kaltherzigen Mutter und einem übergriffigen Bruder. Jahrzehnte später kehrt sie zurück, um die kranke Mutter zu pflegen ä. Der Roman beleuchtet in verschiedenen Zeitebenen das Thema Verdrängung und die komplizierte Mutter-Tochter-Dynamik.
Der Schreibstil ist ruhig, bildhaft und schafft eine dichte Atmosphäre. Besonders die Dynamiken innerhalb der Familie werden in den ersten Kapiteln spürbar, ohne dass alles direkt ausgesprochen wird – das ist sprachlich wirklich überzeugend gelöst.
​Die Erzählweise ist etwas zurückhaltend. Obwohl man viel über Margarets Vergangenheit erfährt, blieb sie für mich als Charakter seltsam distanziert und nicht ganz greifbar.
​Im späteren Verlauf verliert sich die Handlung in Nebensträngen, die sich unnötig ziehen und für mich nicht immer notwendig gewesen wären.
„Schlaf“ ist ein leiser Roman mit einer starken Grundidee. Wer feinfühlige Literatur über Familienabgründe schätzt und keinen Spannungsbogen braucht , wird die Atmosphäre mögen. Für mich war die Umsetzung aufgrund der emotionalen Distanz und der erzählerischen Längen am Ende durchschnittlich, nicht mehr, nicht weniger.