Eine Frage der Distanz: Dunkle Kindheitserinnerungen

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downey_jr Avatar

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Margaret ist geschieden und hat zwei Töchter. Ihr Elternhaus meidet sie nach Möglichkeit, zu viele schmerzhafte Erinnerungen sind mit diesem Ort verbunden. Doch als ihre Mutter im Sterben liegt, kehrt sie mit ihren beiden Töchtern zurück.
Ihre Mutter Elizabeth war schon immer sehr meinungsstark; Kontrolle auszuüben war ihr stets wichtiger als mütterliche Fürsorge. Während sich nun der Zustand ihrer Mutter immer weiter verschlechtert, arbeitet Margaret Erinnerungen an ihre Kindheit auf. Es gab damals einen Vorfall im Pool, der ihr Verhältnis zu ihrer Mutter nachhaltig belastet hatte. Und dann gab es danach noch Geschehnisse, über die Margret nie mit ihrer Mutter gesprochen hatte …

Der Schreibstil von Honor Jones hat mir sehr gut gefallen. Besonders die Passagen aus der Kindheit waren sehr intensiv. Elizabeths Verhalten Margaret gegenüber war oft unfassbar für mich, ihre Kontrollsucht und ihr Nicht-Sehen-Wollen … Dass die lange totgeschwiegenen Erfahrungen Margarets Leben bis ins Erwachsenenalter prägen und sich auf ihre Mutterschaft übertragen, ist gut nachvollziehbar.

„Auch sie hatte sich verändert – die abgestoßenen toten Zellen ihrer früheren Ichs waren längst verschwunden und ersetzt worden. Unaufhaltsam hatte sie sich verändert und oft zum Besseren. Helen und Jo planschten im Wasser an ihr vorbei, dort, wo früher nur Stein und Erde gewesen waren, Leben, wo früher kein Leben gewesen war. Aber trotz allem blieb eines unverändert, eine beschämende, kaum wahrnehmbare Sache, und es machte sie stinksauer – stinksauer auf sich selbst –, dass sie sie immer noch trug, immer noch spüren konnte: die Linie auf ihrem Körper, die ihr Bruder hinterlassen hatte.“

„Schlaf“ ist ein eindringlicher, bewegender Roman über eine Frau, die sich als Erwachsene mit ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter auseinandersetzen muss - und die es endlich schafft, ihre eigene Stimme zu erheben.

„Neulich hatte Margaret einem Autor erklären müssen, dass sein Artikel nicht funktionierte. Du versuchst zu viel auf einmal, hatte sie gesagt. Es kann nicht um alles gleichzeitig gehen. Aber stimmte das? Es war nur eine Frage der Distanz, es ging darum, manche Dinge mit dem richtigen Abstand zu betrachten und andere ganz nah heranzuholen […].“

Vielen Dank an den Ullstein Verlag, Vorablesen.de und an NetGalley für die Rezensionsexemplare! 📚💚