Falsche Geheimnisse

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lesestern Avatar

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Schlaf ist für Margret seit ihren Erlebnissen in der Kindheit ein heikles Thema. Damals schlich ihr älterer Bruder Neal in einem Sommer mehrfach nachts in ihr Zimmer, wenn er dachte, dass sie schlief, und befriedigte seine Neugier auf den weiblichen Körper in dem er sie anschaute und leicht berührte.
Diese sexuellen Übergriffe wurden nie thematisiert, auch nicht als Margret eine Kamera an einer seltsamen Stelle im Bad entdeckt, in dem die „Kinder“ sich duschten und fertigmachten. Ihre Mutter, die für Margret sowieso schwer einschätzbar und manipulativ ist, umgeht das Thema geschickt.
So muss Margret bis in ihre Dreißiger hinein allein mit den Geschehnissen, die so zu falschen, belastenden Geheimnissen wurden, klarkommen.
Dieses Buch trifft in Zeiten von #Me too, massivem, webbasiertem Kindesmissbrauch und sexualisierter Internetverunglimpfung von Frauen den richtigen Ton, denn es sind nicht nur die „großen“ Vergehen, die die Opfer seelisch belasten. Oft sind es schon die „kleinen“ Taten, die das Leben schwierig machen und das Selbstwertgefühl beeinträchtigen, denn beides ist sexuelle Gewalt.
Margrets Mutter ist unfähig, ihre Tochter zu schützen, denn sie „vergöttert“ ihren Sohn, so dass sie seine Probleme nicht erkennt oder sehen will (beim Kamerafund wirft sie ihrer Tochter einen flehenden „Lass mich das nicht ansehen müssen“-Blick zu). Er scheint leicht autistische Züge zu haben und findet keine Freunde. Bei ihrem Neffen ist sie dagegen mit ihrem Urteil, dass er wohl ein „ADHSler“ ist, schnell bei der Hand.
Der Vater bekommt von all dem nichts mit. Nicht einmal ihrer besten Freundin kann Margret davon erzählen. Auch bei ihrem Ehemann bekommt sie nicht den erwarteten Beistand.
Erst als Margret aus ihrer Ehe ausgebrochen ist, eine neue Beziehung hat, die ihr wichtig ist, und ihre Mutter im Sterben liegt, was die Rückkehr ins Elternhaus mit sich bringt, schafft sie es mit Mitte dreißig, ihren Bruder zu konfrontieren.
Das ist für sie der Durchbruch. Und so macht das Buch am Ende Hoffnung auf neues Leben, wenn die falschen Geheimnisse aufgedeckt sind. „Wir kommen, dachte Margret. Sie zog ihr Paddel fest zur Brust. Sie zog die Welt Paddelzug um Paddelzug näher zu sich heran.“ (S. 376)
Dieses Buch macht Mut, nicht wegzusehen, sondern die Dinge klar beim Namen zu nennen. Jeder sexualisierte Übergriff ist einer zu viel!