Sexualisierte Gewalt ohne Heilung

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susank Avatar

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Margaret wächst scheinbar behütet in einer amerikanischen Kleinstadt auf; allerdings hinterlassen sexuelle Übergriffe ihres eigenen Bruders und der Nachbarjungen zusammen mit dem ignoranten Verhalten ihrer narzisstisch anmutenden Mutter Elizabeth tiefe Traumata. Margaret flüchtet quasi in ein anderes Leben in New York, doch ihre Ehe mit dem scheinbar perfekten Mann Ezra scheitert. Dennoch versucht Margaret, ihren Töchtern ein liebevolles Zuhause zu bieten; schließlich versucht sie sogar, sich mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auszusöhnen, was jedoch nicht gelingt ....

Die US-Amerikanerin Honor Jones legt mit "Schlaf" ihren Debütroman vor, der sich in sieben Abschnitten behutsam mit sensiblen (Frauen?) Themen befasst.

Honor Jones schreibt einfühlsam und anschaulich; allerdings haben einige Längen und Sprünge in Zeit und Raum das Lesevergnügen für mich getrübt. Von Spannung lässt sich nicht reden.

Die Figuren bleiben für mich eindimensional; schnell ergreift man beim Lesen Partei für Margaret und ihre Freundin BIddy (zu der sie jedoch auch nicht wirklich offen ist) und gegen die harte, dominante, fast narzisstisch wirkende Mutter, die stets auf Äußerlichkeiten fixiert, stets Margarets Bruder Neal bevorzugt und selbst ihre Tochter erniedrigt. Charakteristisch ist dafür bereits das beschriebene Bild zu Beginn, als Elizabeth die 10jährige Tochter zwingt, sich vor versammelter Feierrunde komplett auszuziehen, damit sie keinen Schmutz ins Haus trägt, bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Tochter nur wegen der Scheidung vor ihren Kindern als Hure beschimpft. Der Vater wirkt überwiegend nicht wirklich vorhanden; ihm wird lediglich gegen Ende eine kleine Rolle zuteil, als er sich erstmals dem Sohn entgegenstellt.

Trotz der erlittenen sexualisierten Gewalt, vor der Margaret keinen Schutz erfährt, versucht sie, nicht ihren Traumata zu erliegen, sondern ihr Leben und vor allem das ihrer Töchter in bessere Bahnen zu lenken, was wenigstens etwas Hoffnung gibt. Allerdings hätte ich gerne mehr erfahren darüber, warum ihre Ehe wirklich scheiterte und vor allem, wie ihre Gefühle tatsächlich sind, denn die Erzählweise konzentriert sich doch mehr auf Beschreibungen des Erduldeten. Ob Margarets sexuelle Vorlieben, die sehr deutlich beschrieben werden, unbedingt zum Fortgang der GEschichte beitragen, mag dahingestellt sein.

Über allem liegt Trauer und Melancholie und damit überwältigte mich auch eine gewisse Düsternis. Lediglich ein Mal musste ich auflachen, weil die Weitergabe von gehörten Schimpfwörtern durch die Töchter umso absurder wirkten.

Ich muss allerdings zugeben, dass mich einige der geschilderten Taten und Charakterzüge mich extrem getriggert haben, sodass ich das ganze Buch mit Bauchschmerzen lesen musste und das vielfach gelobte "literarische Meisterwerk" nicht als solches sehen kann.

Leider konnte ich nicht wirklich Zugang finden zu Figuren und Geschichte; die geschilderten Erlebnisse und die Negierung der sexualisierten Gewalt durch Margarets Mutter (und des Bruders), die auch zu keinem Zeitpunkt Heilung erfährt, lassen mich wütend und frustriert zurück und wirken noch lange nach. So kann ich den Hype um diesen angeblich so großartig einfühlsamen Roman nicht wirklich teilen.