Das jähe Ende eines endlosen Sommers
Mit »Schwarzer September« ist Sandro Veronesi ein Roman gelungen, der weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter einer Coming-of-Age-Geschichte versteht. Zwar begleitet man den zwölfjährigen Gigio durch einen Sommer, der sein Leben nachhaltig prägen wird, doch wer hier eine stringent erzählte, spannungsgetriebene Entwicklung im Sinne klassischer, oftmals amerikanisch geprägter Erzählmuster erwartet, wird überrascht, womöglich sogar enttäuscht sein – oder im besten Fall hellauf begeistert, so wie ich.
Denn Veronesi interessiert sich weniger für eine dramatisch zugespitzte Handlung als vielmehr für das dichte Geflecht aus Eindrücken, Empfindungen und ausschweifenden, jedoch niemals unzusammenhängenden Gedankenketten, die einen solchen Sommer ausmachen. Der Roman ist nicht besonders dialogreich; er erzählt, beschreibt, erinnert – und gerade darin liegt seine große Stärke. Der Autor führt mit sicherer Hand: Er nimmt den Leser mit, lenkt den Blick, lässt Bilder entstehen, ohne je ins Beliebige zu kippen. Er beherrscht sein Handwerk, keine Frage, und dieser Roman mit seiner gewandten, flüssigen und stets präzisen Erzähltechnik ist eines zweifachen Strega-Preisträgers definitiv würdig.
Es ist die Geschichte eines Sommers, der zunächst noch nichts von seinem Ende ahnt. Gleichzeitig schiebt sich die Weltgeschichte unaufdringlich, aber spürbar in diese private Sphäre hinein: das Attentat auf die Olympischen Spiele in München, politische Spannungen – doch das Schlimmste kommt erst noch.
Bemerkenswert ist, dass selbst das Verbrechen, das die Sommeridylle gegen Ende des Romans jäh zerstört, nicht im Zentrum einer spannungsorientierten Dramaturgie steht. Veronesi verzichtet bewusst auf Effekthascherei, auf jene Zuspitzung, die viele Leser vielleicht erwarten würden. Doch gerade dieser Verzicht erweist sich als weise literarische Entscheidung: Ein stärkerer Fokus auf das Kriminelle hätte den Roman womöglich banalisiert. Ich schätze es sehr, dass der Autor die Schwerpunkte anders auslegt; es ging ihm eher darum, sämtliche Eindrücke eines Sommers und die inneren Wandlungen, die sich im Hauptprotagonisten vollziehen, bis ins Kleinste einfangen,
So entsteht ein Werk von großer Dichte und Raffinesse. Umso bedauerlicher ist es, dass Bücher dieser Qualität oft nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Hätte ihn ein Amerikaner geschrieben, bestimmt schon. Handle es sich um einen Pulitzer- und nicht um einen Strega-Preisträger – auf jeden Fall. Aber so … Die literarische Aufmerksamkeit wandert meines Erachtens viel zu häufig über den Ozean, anstatt auf das eigene, europäische literarische Schaffen. Während seichte Bestseller die Listen dominieren, bleibt einem Autor wie Veronesi – einem wirklichen Könner – häufig die breite Anerkennung versagt. Das ist, gelinde gesagt, unerquicklich. Dabei ist »Schwarzer September« in meinen Augen ein herausragender italienischer Roman, ein kleines literarisches Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
Denn Veronesi interessiert sich weniger für eine dramatisch zugespitzte Handlung als vielmehr für das dichte Geflecht aus Eindrücken, Empfindungen und ausschweifenden, jedoch niemals unzusammenhängenden Gedankenketten, die einen solchen Sommer ausmachen. Der Roman ist nicht besonders dialogreich; er erzählt, beschreibt, erinnert – und gerade darin liegt seine große Stärke. Der Autor führt mit sicherer Hand: Er nimmt den Leser mit, lenkt den Blick, lässt Bilder entstehen, ohne je ins Beliebige zu kippen. Er beherrscht sein Handwerk, keine Frage, und dieser Roman mit seiner gewandten, flüssigen und stets präzisen Erzähltechnik ist eines zweifachen Strega-Preisträgers definitiv würdig.
Es ist die Geschichte eines Sommers, der zunächst noch nichts von seinem Ende ahnt. Gleichzeitig schiebt sich die Weltgeschichte unaufdringlich, aber spürbar in diese private Sphäre hinein: das Attentat auf die Olympischen Spiele in München, politische Spannungen – doch das Schlimmste kommt erst noch.
Bemerkenswert ist, dass selbst das Verbrechen, das die Sommeridylle gegen Ende des Romans jäh zerstört, nicht im Zentrum einer spannungsorientierten Dramaturgie steht. Veronesi verzichtet bewusst auf Effekthascherei, auf jene Zuspitzung, die viele Leser vielleicht erwarten würden. Doch gerade dieser Verzicht erweist sich als weise literarische Entscheidung: Ein stärkerer Fokus auf das Kriminelle hätte den Roman womöglich banalisiert. Ich schätze es sehr, dass der Autor die Schwerpunkte anders auslegt; es ging ihm eher darum, sämtliche Eindrücke eines Sommers und die inneren Wandlungen, die sich im Hauptprotagonisten vollziehen, bis ins Kleinste einfangen,
So entsteht ein Werk von großer Dichte und Raffinesse. Umso bedauerlicher ist es, dass Bücher dieser Qualität oft nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Hätte ihn ein Amerikaner geschrieben, bestimmt schon. Handle es sich um einen Pulitzer- und nicht um einen Strega-Preisträger – auf jeden Fall. Aber so … Die literarische Aufmerksamkeit wandert meines Erachtens viel zu häufig über den Ozean, anstatt auf das eigene, europäische literarische Schaffen. Während seichte Bestseller die Listen dominieren, bleibt einem Autor wie Veronesi – einem wirklichen Könner – häufig die breite Anerkennung versagt. Das ist, gelinde gesagt, unerquicklich. Dabei ist »Schwarzer September« in meinen Augen ein herausragender italienischer Roman, ein kleines literarisches Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.