what a difference a day can make
Man braucht ein paar Seiten, um sich in den sehr intuitiven Schreibstil des Autors, der sich an einer verbalen Erzählung orientiert, eingelesen hat. Aber ist man einmal drin, ist man auch mitten in der Geschichte angekommen. Man riecht förmlich das Meer, den Sand, sieht die Inseln, die durch eine Art Fata Morgana in diesem Sommer im Jahr 1972, in dem die Erzählung spielt, an der italienischen Küste sichtbar werden. Man kann sich auch den Jungen Gigio bildhaft vorstellen - ein Liebhaber des Sports, schüchtern, unbehaart und mit 13 Jahren noch sehr unbedarft, mit leichtem Asperger-Autismus, sich mit seinen wilden Locken zu der nur ein Jahr älteren, aber soviel reifer wirkenden Astel hingezogen fühlt. Die ganze Erzählung ist sehr stimmig - die Musik, die Autos, der Farbfernseher, auf dem Astels Familie und Gigios Familie die Eröffnung der Olympiade in München verfolgen. Und während deren sich Astel und Gigio, die sich zurückgezogen haben, das erste Mal küssen. Doch die Geiselnahme und deren dramatisches Ende auf den olympischen Spielen sind nur eine Randnotiz in dieser sehr privaten Geschichte, die diesen September auch zum schwarzen September für Gigio werden lässt. Nach diesem September ist in Gigios Leben nichts mehr, wie es einmal war. Mich hat die Geschichte besonders berührt, da ich diesen Sommer, diese Tage Ende August / Anfang September aus Erzählungen besonders gut kenne. Da ich selbst in diesen Tagen geboren wurde. Und ich viele der Orte, die in dem Buch beschrieben werden, aus eigener Erfahrung - einige Jahre später - kenne. Die Proragonisten wirkten alle sehr lebendig und gut ausgearbeitet, und ich fand die Erzählung höchst spannend, authentisch und realistisch - gerade weil viele der Ereignisse, die in dieser Zeit viele Menschen geprägt haben (die Ermordung Ermanno Lavorinis, die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen, der Brückeneinsturz 1966 in Florenz, die Weltmeisterschaft im Schach) hier erwähnt werden und auch den Ich-Protagonisten beeinflussen. Auch wenn diese Tatsachen unscheinbar wirken gegenüber den tatsächlichen Problemen des jungen Heranwachsenden. Ein sehr fesselndes Buch!