Lügen in Zeiten des Krieges

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barbara62 Avatar

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Anders als ich aufgrund des Titels „Stella“ erwartet hatte, steht im Mittelpunkt dieses zweiten Romans von Takis Würger für mich nicht die Geschichte der realen Stella Goldschlag, sondern vielmehr die des fiktiven Ich-Erzählers Friedrich. Aufgewachsen in wohlhabenden Verhältnissen in einer Villa bei Genf, hatte seine deutsche Mutter ihn für eine Karriere als Künstler vorgesehen. Als ihm bei einem Unglücksfall das Gesicht entstellt wird und er die Fähigkeit zum Erkennen von Farben verliert, platzt dieser Traum und die Mutter versinkt endgültig in der Alkoholsucht. Hin- und hergerissen zwischen ihrer nationalsozialistischen Gesinnung und den Ansichten des toleranten Vaters, möchte Friedrich die Wahrheit über die Judenabholungen herausfinden, „Gerüchte von Wirklichkeit trennen“, und begibt sich nach der Auflösung seiner Familie im Januar 1942 nach Berlin. Sein erster Eindruck: „Aus der Ferne hatten die Deutschen groß gewirkt, aus der Nähe wirkten sie so klein wie ich.“ Ein Jahr verbringt er in einem mondänen Hotel, geschützt durch seine Schweizer Identität, ohne jeden Mangel. An der Kunstschule lernt er die gleichaltrige Kristin kennen, Aktmodell, Lateinlehrerin und Sängerin im illegalen Melodie Klub. Kristin scheint alles zu haben, was er gerne für sich selbst hätte: Selbstsicherheit, Schlagfertigkeit, Autorität, Schönheit und Stärke. Schnell übernimmt sie völlig die Kontrolle über ihn und er liebt sie umso mehr dafür: „Ich hatte dieser Frau nichts entgegenzusetzen.“ Als sie verschwindet, ist er verzweifelt. Doch dann kehrt sie zurück und Friedrich erfährt, wer sie wirklich ist: die Jüdin Stella Goldschlag, deren falsche Identität geplatzt ist, und die sich als „Köderjüdin“ an die Gestapo verkauft hat, um sich und ihre Eltern zu retten. Was macht diese Entdeckung mit Friedrich?

Die historische Stella Goldschlag hat mehrere hundert Menschen an die Gestapo verraten, auch noch nachdem ihre Eltern in Auschwitz umkamen, was laut Epilog 1943, laut Wikipedia im Oktober 1944 der Fall war. Der Roman versucht nicht, eine Antwort auf das Warum zu geben, sondern zwingt den Leser, sich selbst mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Wie Hammerschläge fühlten sich die eingestreuten Zeugenaussagen aus dem Nachkriegsprozess gegen Stella Goldschlag an zwischen der Liebesgeschichte und der Aufzählung historischer Ereignisse zu Beginn jedes neuen Monats. Wie faszinierend diese Frau gewesen sein muss, zeigt die Tatsache, dass sie fünfmal verheiratet war. Der fiktive Friedrich wird sie jedenfalls nie vergessen.

So interessant das Thema dieses Romans ist, die Frage nach Schuld und Moral, so konnte mich die Umsetzung doch nicht völlig überzeugen. Ob es daran lag, dass ich keiner der Figuren nahekam, auch nicht dem - freundlich ausgedrückt - extrem unbedarften Friedrich? Weil mir die Figuren in ihren Handlungen zu modern erschienen? An Unsauberkeiten wie dem fehlerhaften französischen Dialog? Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich nach dem allseitigen Lob für Takis Würgers Debüt "Der Club", den ich nun anschließend lesen werde, übersteigerte Erwartungen hatte? Trotzdem ist "Stella" auf jeden Fall lesenswert, im zweiten Teil sehr spannend und wer gerne schön formulierte Sätze markiert, wird hier voll auf seine Kosten kommen.