Epische Fantasy mit düsterer Atmosphäre, Sehnsucht und Blut

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The Second Death of Locke von V. L. Bovalino ist der Auftakt einer Fantasytrilogie. Es ist allerdings zugleich ein Stand-Alone und handlungsmäßig 100% in sich abgeschlossen. Der nächste Band wird zwar in derselben Welt spielen, allerdings andere Protagonisten verfolgen. Aber ich greife voraus. Wovon handelt der Roman? Es geht um die Soldaten Grey und Kier, eine Quelle und ihren Magier, die in dem spannenden, neuen Magiesystem der Welt nur zu zweit, nur gemeinsam, Magie wirken können. Nach dem Untergang der Heimatinsel der Magie sind die nahen Nationen im Aufruhr, es herrscht Krieg, in den die beiden Protagonisten seit Jahren verwickelt sind. Doch plötzlich taucht ein Mädchen auf, von dem es heißt, sie sei die Erbin der verlorenen Insel…
Die schöne, dunkle Aufmachung des Buches wird der düsteren Atmosphäre absolut gerecht. Der zermürbende Alltag zwischen Kriegsmüdigkeit und Phasen blutiger Action wird sehr emotionsvoll erzählt. Der Schreibstil passt hervorragend zum Inhalt, er ist ungeschönt und bildhaft, dann wieder nahezu lyrisch. Grey und Kier teilen eine schmerzlich-schöne Verbundenheit, die ich in der Realität sicherlich als eine Codependency pathologisiert werden würde, aber in einem Roman spannend und mitreißend zu lesen ist. Weder verdrängt die Romanze den anderen Plot, noch wird sie toxisch. Die Hauptcharaktere sind gut ausgearbeitet, manche Nebenfiguren bleiben hingegen etwas blass, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Protagonistin Grey ihnen einfach nicht so viel Aufmerksamkeit widmet wie ihrer eigenen Gedankenwelt und Kier.
Mein persönliches Highlight war das Magiesystem und die sich daraus ergebenden Folgen für Figurenkonstellationen und gesellschaftliche Ordnung. Dies ist einer der wenigen Romane, bei dem die Magie wirklich tief in das Worldbuilding eingegraben ist, ohne sie würde weder die Welt noch die Handlung funktionieren. Um das Verständnis des Lesers für die Welt zu bereichern, werden am Beginn jedes Kapitels kleine Auszüge aus Dokumenten wie Handbüchern oder historischen Briefen angeführt. Ich liebe so etwas eigentlich immer, hier passte die Auswahl der Ausschnitte jedoch auch stets bemerkenswert gut zum folgenden oder vorhergehenden Kapitel.
Die Handlung an sich ist spannend, manchmal etwas ruhiger, dann wieder kämpferisch-schnell. Ein paar Wendungen sind vorhersehbar, andere überraschend. Eine von ihnen gegen Ende fand ich allerdings etwas seltsam und aus der Luft gegriffen.
Alles in allem ein toller Fantasyroman, der Themen wie Verantwortung und Verlust gekonnt einbindet.