Hexen und Vampiere

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evaerl Avatar

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Ich muss leider sagen, dass mich The Witch in the Dead of Night insgesamt nicht vollständig überzeugen konnte. Dabei bringt das Buch eigentlich viele Elemente mit, die ich normalerweise unglaublich gerne lese. Hexen, Vampire, politische Intrigen, Geheimnisse, Magie und ein düsteres Setting klingen für mich nach einer perfekten Mischung. Leider hat die Umsetzung für mich nicht in allen Bereichen funktioniert.

Am meisten Schwierigkeiten hatte ich tatsächlich mit der Liebesgeschichte. Das Liebesdreieck konnte mich emotional überhaupt nicht erreichen. Die Beziehung zwischen Finn und König Mordric entwickelt sich für mein Empfinden viel zu schnell. Ich hatte nie das Gefühl, dass sich ihre Gefühle wirklich natürlich entwickeln oder dass zwischen ihnen eine besondere Chemie entsteht. Gerade wenn man bedenkt, wie vorsichtig Finn aufgrund ihrer Vergangenheit eigentlich sein müsste, wirkte diese Entwicklung auf mich wenig glaubwürdig. Deshalb konnte ich ihre Entscheidungen in Bezug auf Mordric oft nicht nachvollziehen.

Ganz anders ging es mir mit Prinz Enhart. Bereits bei seinem ersten Auftreten fand ich ihn deutlich interessanter. Er ist distanziert, wirkt arrogant und hält alle auf Abstand. Genau diese Art macht ihn aber spannend, weil man schnell merkt, dass deutlich mehr hinter seiner Fassade steckt. Während des Trainings entwickelt sich langsam eine Dynamik zwischen ihm und Finn, die mir wesentlich besser gefallen hat. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass diese Spannung deutlich früher aufgebaut wird. Über weite Strecken hatte ich das Gefühl, dass zwischen den beiden zwar Potenzial vorhanden ist, dieses aber nicht ausgeschöpft wird. Erst relativ spät entsteht die Chemie, die ich mir bereits deutlich früher gewünscht hätte. Seine charakterliche Entwicklung gehört für mich definitiv zu den größten Stärken des Buches.

Finn selbst mochte ich grundsätzlich sehr gerne. Sie ist fleißig, wissbegierig und hat sich nach ihrer schwierigen Vergangenheit ein neues Leben aufgebaut. Gerade deshalb konnte ich viele ihrer Entscheidungen nicht ganz verstehen. Sie wird als vorsichtiger Mensch dargestellt, der jahrelang seine wahre Identität verstecken musste. Umso überraschender fand ich es, wie schnell sie Mordric vertraut und wie bereitwillig sie sich auf ihn einlässt. Trotzdem fand ich es schön zu beobachten, wie sie im Laufe der Geschichte ihre Magie immer besser kennenlernt und langsam mehr Selbstvertrauen entwickelt.

Mordric war für mich dagegen leider der schwächste Charakter. Er blieb über weite Strecken sehr vorhersehbar und wirkte für mich relativ eindimensional. Seine Motivation und seine Persönlichkeit bekommen meiner Meinung nach zu wenig Tiefe. Dadurch konnte ich auch seine Rolle innerhalb des Liebesdreiecks nie wirklich ernst nehmen. Ich hatte relativ früh eine Vermutung, wohin sich seine Figur entwickeln würde.

Die Handlung selbst beginnt mit einer wirklich spannenden Ausgangslage. Eine Hexe versteckt sich ausgerechnet am Hof eines Vampirkönigs und muss lernen, ihre Kräfte zu kontrollieren. Dazu kommen politische Intrigen, Machtkämpfe und eine Mordserie, die sich durch die Geschichte zieht. Gerade diese Mischung hat mich anfangs sehr neugierig gemacht. Leider hatte ich zwischendurch häufiger das Gefühl, dass sich die Handlung etwas verliert. Besonders der Abschnitt rund um Finns Ausbildung zieht sich teilweise sehr in die Länge. Viele Szenen wirken ähnlich und der eigentliche Fortschritt bleibt zunächst überschaubar. Sobald die größeren Geheimnisse rund um Finn, ihre Magie und die Hintergründe der Welt ans Licht kommen, nimmt die Geschichte zwar deutlich an Fahrt auf, allerdings geschieht das für meinen Geschmack fast schon etwas zu spät. Einige Wendungen haben mich wirklich überrascht und genau das fand ich positiv. Gleichzeitig wurden manche Enthüllungen so schnell abgehandelt, dass ihre Wirkung für mich etwas verloren ging.

Das World Building hat mir dagegen ausgesprochen gut gefallen. Die Autorin erklärt ihre Welt genau in dem Umfang, den ich persönlich angenehm finde. Man bekommt genügend Informationen über die Hexen, Vampire und das Königreich Valen, ohne dass lange Erklärungen den Lesefluss unterbrechen. Gerade für Leserinnen und Leser, die keine komplizierten Fantasywelten mögen, dürfte das gut funktionieren.

Auch der Schreibstil war insgesamt sehr angenehm. Das Buch liest sich flüssig und leicht, sodass ich trotz meiner Kritikpunkte immer weiterlesen wollte. Zwar hätte ich mir zusätzliche Perspektiven gewünscht, weil besonders Enhart und vielleicht sogar Mordric interessante Einblicke hätten liefern können, doch Finns Fähigkeit, Gedanken anderer wahrzunehmen, gleicht das zumindest stellenweise etwas aus.

Insgesamt bleibt für mich eine Geschichte mit vielen starken Ideen und einem gelungenen Fantasysetting. Besonders Enhart, das World Building und einige überraschende Wendungen konnten mich überzeugen. Die Liebesgeschichte, das Erzähltempo und die teilweise unausgewogene Entwicklung der Handlung haben jedoch dafür gesorgt, dass mich das Buch emotional nicht vollständig erreichen konnte. Trotzdem macht das Ende durchaus neugierig auf die Fortsetzung.