Ich war berührt

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Trag das Feuer weiter hat mich auf eine ruhigere, aber sehr eindringliche Art berührt. Mias „Gehirnnebel“ ist zunächst etwas, das man körperlich spürt. Diese merkwürdige Mischung aus Erschöpfung, Verunsicherung und dem Gefühl, nicht mehr auf sich selbst zugreifen zu können. Die Reise nach Marokko wird dadurch viel mehr als ein Ortswechsel. Sie wird eine Rückkehr zu etwas, das man nicht benennen kann, bevor man dort ankommt. Sehr stark fand ich, wie Slimani die Erinnerung nicht romantisiert, sondern als etwas zeigt, das brüchig, widersprüchlich und auch schmerzhaft sein kann. Mias Familie, die Großeltern, Eltern, Schwester, wird nach und nach lebendig und mit ihr der Druck, sich anzupassen, und gleichzeitig der Hunger nach Freiheit. Dass sich diese Freiheit später in Paris und in ihrer eigenen Identität Bahn bricht, hat mich an vielen Stellen sehr berührt.
Das Buch handelt nicht laut von Emanzipation, sondern leise und gerade deshalb wirkt es. Es geht um Frauen, die sich Raum nehmen, obwohl ihnen keiner gegeben wird. Um Herkunft, Zugehörigkeit und den Mut, das „innere Feuer“ nicht erlöschen zu lassen. Ein stiller, schöner und tief menschlicher Roman über Erinnerung, Identität und Freiheit. Er wirkt nach dem Lesen weiter, nicht mit Drama, sondern mit Wahrheit. Ich bin sehr froh, dass ich ihn gelesen habe.