Der Architekt des Bösen ist zurück!

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gürkchen Avatar

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„Manipulation ist nicht das Spiel des Stärkeren“, hatte er ihr einmal gesagt. „Es ist das Spiel des Unsichtbaren.“ (S.27)

Gerade hat Luisa Menkhoff die letzte Prüfung zu ihrem Staatsexamen absolviert, da entdeckt sie vor dem Gelände der Medizinischen Universität ein Vermisstenplakat. Darauf ist Nicole Klement zu sehen, eine Frau in den mittleren Fünfzigern. Sie war gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten, Dr. Joachim Lichner, in die Entführung von ihr als kleines Mädchen involviert. Der Psychologe hatte Nicole damals unter Hypnose gezwungen, sein abgekartetes Spiel zu unterstützen, bei dem bereits ein anderes Kind unter tragischen Umständen gestorben war. Die lebenslange Haftstrafe verdankt er dem knallharten Instinkt von Luisas Vater, der vor 17 Jahren nicht eher Ruhe gab, bis das Martyrium ein Ende nahm. Beginnt der Wahnsinn nun von vorne? Kriminalkommissar Ramin Brunner nimmt ihre Anzeige in der Münchener Dienststelle auf. Die Lage spitzt sich zu, als erneut ein Kind als vermisst gemeldet wird.

Luisa und Ramin werden schnell zu den beiden Hauptakteuren, die versuchen, hinter das Muster des „Architekten des Bösen“ Dr. Joachim Lichner zu schauen. Ramin ist voller Energie, charmant, redegewandt und von dem Wunsch getrieben, seinen letzten Fall beim KK14 erfolgreich zu beenden, bevor er in die Abteilung der „Cold Cases“ wechselt. Sein Mantra lautet, dass keiner Kinderseele Schaden zugefügt werden darf. Luisa wirkt dagegen manchmal wie in Trance. Sie agiert sehr beobachtend, spricht nur das Nötigste und analysiert die neuen Wendungen akribisch im Zusammenhang mit Erinnerungen aus vergangenen Zeiten, die sie dank ihres fotografischen Gedächtnisses vollumfänglich abrufen kann. Dieser Kontrast in den Charakterzügen macht sie für mich nicht zum optimalen Gegenpart für Ramin. Zudem erschwert sie die Handlung, weil sie sich trotz eindeutiger Gefahrenzeichen gegen einen Polizeischutz entscheidet und sich so zu einem leichten Opfer für potenzielle Entführungsfantasien macht.

Die gewählten Schauplätze in der Natur sind einzigartig und von starker Präsenz in einem Wettlauf gegen die Zeit und eine unsichtbare Gefahr, die keiner Menschengestalt zuzuordnen ist. Die Verdächtigen sind entweder tot oder befinden sich in Untersuchungshaft. Beim Lesen läuft das Kopfkino auf Hochtouren und entdeckt dabei kleine Schwachstellen, die man vom Autor nicht gewohnt ist. Die zeitliche Abfolge der Ereignisse muss wohlwollend betrachtet werden und auch das Finale wirkt etwas weit hergeholt und konstruiert.

Trotz allgemeiner psychologischer Tiefe im Verlauf und versteckten Elementen im Zwischenmenschlichen kam das Themenfeld rund um die Konditionierung auf Hypnose leider zu kurz. Hier wäre noch deutlich mehr Potenzial gewesen, um die Leser in die menschlichen Abgründe der Gedankenwelt zu locken und zusätzliche Pluspunkte auf der Bewertungsskala einzusammeln.

Die Geschichte um Luisa Menkhoff ist aus meiner Sicht auserzählt. „Ungelöst – Die erste Zeugin“ lebte von ihren persönlichen Erlebnissen als kleines Kind und machte ihre Zusammenarbeit mit der Polizei nachvollziehbar. Dass die junge Frau, die gerade erst ihr zweites Staatsexamen beendet hat, direkt im Revier angeheuert wird, empfinde ich nicht unbedingt als realistisch. Strobel hätte mit der Kraft seiner Worte allein mit dem Ermittler-Duo Brunner und Grohmann die Möglichkeit gehabt, hier eine neue großartige Reihe zu starten. Es braucht bei solider Polizeiarbeit keine Wunderkinder, die ebenfalls mimen.

Alles in allem kann man Arno Strobel immer empfehlen, jedoch ist dieser Thriller möglicherweise nicht sein stärkstes Werk.