Sehr politisch und oft zu oberflächlich

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Clarissa Linden erzählt eine sehr politische Geschichte, oder macht sie (erst) zu einer solchen. Und eigentlich sind es auch zwei Geschichten, die sie hier erzählt.

Einmal sind da Amelie und Johanna im Jahr 1935, die nichts anderes wollen als fliegen. Und dann ist da Lieselotte, die endlich die Gelegenheit bekommt, mehr oder zum ersten Mal überhaupt etwas über die Vergangenheit ihrer Mutter Amelie und über ihren unbekannten Vater herauszufinden (das im Jahr 1971). Dabei gewinnt Lieselotte Marga als Freundin für sich. Im Jahr 1935 musste etwas sehr einschneidendes passiert sein, denn Lieselotte weiß überhaupt nichts über Amelies Vergangenheit. Das sollte sich jetzt aber ändern.

Zu Beginn habe ich schon behauptet, dass dieser Roman sehr politisch ist. Was mich dazu treibt?
Diese Frage ist sehr einfach zu beantworten. Das Buch wird von einigen wenigen Themen total (und in gewisser Weise auch sehr einseitig) in Beschlag genommen. So kann nicht oft genug wiederholt werden, wie schlecht Nazis und die nationalsozialistische Zeit damals waren.
Dies macht Linden nicht nur direkt und ausdrücklich, sondern sie vermittelt es auch durch ihre Personenbeschreibungen und Situationen, die sie erzählt (also auch indirekt und situativ).
Zum anderen widmet sich Linden der Frauenbewegung, und man muss sagen sehr intensiv. Es bildet denn eigentlichen Hintergrund eines jeden Absatzes und eines jeden Wortes dieses Buches.
Man merkt es besonders deutlich, als Lieselotte ihrem Ehemann Eduard immer kritischer gegenübersteht und als sie die bisherigen "Zustände" nicht mehr ertragen kann und will. Man merkt es, wenn Amelie und Johanna in 1935 für ihren Traum, das Fliegen, gegen alle Widerstände kämpfen.
Man bekommt auch am Ende der Geschichte das Gefühl, dass es besser gewesen wäre, wenn sich Amelie nie auf Felix, den Vater von Lieselotte, eingelassen hätte und ihre Unabhängigkeit bewahrt hätte (nebenbei bemerkt: ganz im Sinne der Frauenbewegung). Meiner Meinung nach liegt dies maßgeblich an der Konstruktion der Geschichte und ist so von der Autorin gewollt.
Damit bleibt bei mir als Leser das Gefühl. ein sehr politisch aufgeladenes Buch gelesen zu haben, das einen als Leser unterschwellig bzw. instrumentalisieren will/wollte. Das Buch ist zwar handwerklich und auch vom Schreibstil einwandfrei.
Jedoch ist mir persönlich dieser Roman zu politisch aufgeladen, vor allem ärgert mich aber, dass (immer) nur die eine Seite der Medaille gezeigt wird. Oder um es anders zu sagen: es ist mir zu einseitig.
Im Übrigen sind mir für einen bereits überarbeiteten Roman relativ viele Fehler aufgefallen.
Gibt es auch positive Seiten an dem Roman?
Ja, die gibt es. Mir gefallen die Hauptcharaktere, die überwiegend dynamisch (nicht statisch) sind. Das gilt insbesondere für Lieselotte und ihre Mutter Amelie.
Im Endergebnis bleibt aber leider das Gefühl, ein ziemlich oberflächliches Buch gelesen zu haben, das mir nur die eine Seite der Medaille zeigte.

Nachträgliche Anmerkung:
Ich merkte, dass die Geschichte einem vermitteln wollte, dass ein Mann für eine Frau sowohl ihr Glück als auch ihr absolutes Unglück sein kann. Auch das wahre Leben zeigt das.