Biografisch gespickte Plauderei über ein Jahrhundert

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
aischa Avatar

Von

In ihrem jüngsten Roman lässt Bestsellerautorin Isabel Allende Protagonistin Violeta ihr 100jähriges Leben schildern. Dabei ist die Erzählform dieser südamerikanischen Familiensaga noch am Originellsten, denn es handelt sich um einen - bei aktuellen Neuerscheinungen doch recht seltenen - Briefroman. Adressat der Briefe ist Violetas Enkel, ein in Afrika tätiger Jesuit.

Allende schreibt im gewohnten Plauderton, und auch das Setting überrascht nicht. Zwar wird das Land, in dem der Großteil der Erzählung spielt, nie genannt - wie dies übrigens auch in Allendes Debütroman "Das Geisterhaus" der Fall ist - doch ist recht bald klar, dass auch dieser Roman wieder in Chile spielt. Die Geschichte ist gespickt mit biografischen Parallelen, etwa dem Tod von Violetas Tochter als junger Frau (Allendes Tochter starb mit 29 Jahren) oder der Gründung einer Stiftung für die Opfer häuslicher Gewalt durch Violeta wie auch durch Allende.

Bedauerlicherweise geraten Weltgeschichte und Politik, die einen erheblichen Einfluss auf die Schicksale der Figuren haben, zu reiner Kulisse. An einer Stelle heißt es sogar zu den Folterungen und Morden während der Militärdiktatur sei bereits alles gesagt, daher würde hier nicht weiter darauf eingegangen werden. Das ist in meinen Augen sehr schade, gibt es doch immer neue Leser*innen, die mit einem Thema zum ersten Mal in Berührung kommen, hier wurde Potenzial verschenkt. Leider hat mich auch das Los der Protagonisten oft nicht erreicht. Weltwirtschaftskrise, Verarmung der Familie, Gewalt in der Ehe, Militärputsch und Ausgangssperre - all dies schlägt sich zu wenig im Erzählduktus wieder, als dass ich wirklich mitfühlen hätte können, vieles klingt wie ein beiläufiger Kaffeeklatsch, wirkt erstaunlich distanziert.

Dafür nehmen die sexuellen Aktivitäten Violetas seltsamerweise großen Raum ein. Seltsam deshalb, weil Violeta ihr Leben wie gesagt in Briefen an ihren Enkel auffächert, einen erwachsenen Mann, der als Jesuitenpriester unter anderem das Gelübde der Keuschheit abgelegt hat. Ob er Interesse daran hat, in allen Einzelheiten über die Bettgeschichten seiner Großmutter zu lesen ...?

Fazit: Ganz nette Unterhaltung, mir jedoch hat es an historischem Unterbau und literarischer Originalität gefehlt.